Kategorie: Heitere Erinnerungen

  • ✋ 1961 – Die Ohrfeige auf der Tanzfläche

    ✋ 1961 – Die Ohrfeige auf der Tanzfläche

    Es war ein herrlicher Sonntag, wie man ihn aus italienischen Sommern kennt: Sonne satt, Fußball am Nachmittag, volle Ränge und begeisterte Fans. Das Sahnehäubchen war ein 3:0-Sieg, der unseren Verbleib in der Campionato d’Eccellenza – damals noch Promozione – sicherte.

    Nach dem Abpfiff zog ich noch mit einigen Spielern in unsere Stammbar. Dort trank ich – ganz unitalienisch – keine heiße, sondern ausnahmsweise eine kalte Milch. Gegen 17 Uhr ging ich ins Vereinsbüro, um meine Siegprämie abzuholen. Um halb sechs war ich wieder zu Hause, überreichte meiner Mutter pflichtbewusst die 5.000 Lire und bekam im Gegenzug mein wöchentliches Taschengeld: 1.000 Lire.

    Schon damals staunte ich, mit welcher Eleganz sie mein Geld zu ihren Gunsten umverteilen konnte. Aber gut – Mütter haben bekanntlich ihre eigene Finanzpolitik.

    Da sie sich an diesem Tag nicht besonders wohlfühlte, würde das Abendessen erst gegen 20 Uhr fertig sein. Also beschloss ich, noch kurz auf die Piazza zu gehen. Beim Hinausgehen bat sie mich, ihr eine kleine Packung Aspirin mitzubringen.

    Natürlich sagte ich zu.

    Und ahnte nicht, dass mir genau dieses „natürlich“ später noch um die Ohren fliegen würde.

    Als ich auf der Piazza ankam, war sie erstaunlich leer. Da fiel mir ein, dass in der Siedlung neben meiner alten Volksschule die Bar unserer Nachbarin Antonietta und ihres Bruders Peppe lag. Dort wurde an diesem Abend getanzt.

    Also machte ich mich auf den Weg, um die Lage zu prüfen – rein wissenschaftlich natürlich.

    Was soll ich sagen?

    Meine Freunde waren da.

    Viele Mädchen auch.

    Und damit war jede weitere Vernunft offiziell außer Dienst.

    Es war die Zeit von Brenda Lee, Paul Anka, Connie Francis, Ray Charles, Elvis Presley, Chuck Berry und Bill Haley. Für uns war das nicht nur Musik, sondern ein Lebensgefühl.

    An diesem Abend vergaß ich vor lauter Tanzbegeisterung alles um mich herum. Ich war glücklich, sorgenfrei und überzeugt, dass so ein Abend mit Freunden eigentlich nie enden dürfte.

    Irgendwann war es dunkel geworden, doch ich schwebte immer noch im Tanzhimmel – völlig ohne Zeitgefühl und mit großem Vertrauen darauf, dass sich Probleme vielleicht von selbst erledigen würden.

    Mitten im Gedränge spürte ich plötzlich ein Klopfen auf der Schulter.

    Zuerst dachte ich an ein Versehen.

    Doch ein zweites, deutlich energischeres Klopfen holte mich schlagartig zurück in die Wirklichkeit.

    Ich drehte mich um.

    Und im selben Augenblick landete eine saftige Ohrfeige.

    Vor mir stand meine Mutter.

    1,50 Meter konzentrierte Entschlossenheit.

    Ich war damals schon 1,72 Meter groß, also musste sie für diesen Treffer vermutlich mehr Einsatz zeigen als ich auf dem Fußballplatz.

    Wütend fragte sie:

    „Weißt du, wie spät es ist?“

    Und natürlich wusste ich in diesem Moment vor allem eines:

    Sie hatte recht.

    Ich hatte weder das Aspirin besorgt noch war ich pünktlich zum Abendessen erschienen.

    Mir blieb also nichts anderes übrig, als mich kurz zu meiner Tanzpartnerin umzudrehen und höflich zu sagen:

    „Warte bitte einen Moment, ich komme gleich zurück.“

    Ein Satz, dessen optimistische Kühnheit mich im Rückblick selbst beeindruckt.

    Der Heimweg bestand dann allerdings weniger aus Romantik als aus einer lückenlosen Schimpftirade.

    Und das Mädchen von der Tanzfläche habe ich nie wiedergesehen.

    Ich hoffe nur, dass sie dort nicht bis heute auf meine Rückkehr wartet.

    Ob diese öffentliche Ohrfeige unser Verhältnis verbessert hat, darf bezweifelt werden. Trotzdem war ich meiner Mutter deswegen nie böse oder nachtragend.

    Manchmal hätte ich mir nur gewünscht, dass sie im Umgang mit mir etwas milder gewesen wäre.

    Ob ihr das später gelungen ist, vermag ich heute nicht zu sagen.

    Aber die Ohrfeige auf der Tanzfläche habe ich jedenfalls nie vergessen.

  • 🚓1973 – Im Fadenkreuz der Carabinieri

    Ein Urlaub, eine Sonnenbrille und zwei italienische Amtshandlungen

    Unser Urlaub im Vorjahr war uns in so schöner Erinnerung geblieben, dass wir bald wieder Pläne schmiedeten. Nachdem Christine und ich in das kleine Apartment in Brezen gezogen waren, fassten wir allmählich Fuß in Erding. An den Wochenenden waren wir meistens unterwegs – tanzen, essen, kleine Ausflüge machen. Nur wenn mein Sohn bei mir zu Besuch war, gehörte die Zeit ganz ihm.

    Irgendwann stand fest: Der nächste Urlaub sollte uns wieder in die Marche führen.

    Zuvor kauften wir uns ein neues, etwas größeres Auto: einen Ford 16 M. Der alte Simca hatte endgültig den Geist aufgegeben. Viele Bekannte verstanden die Welt nicht mehr: „Wie, du arbeitest bei BMW und fährst Ford?“

    Tja – manchmal entscheidet nicht die Firmenzugehörigkeit, sondern der Geldbeutel. Und der war damals alles andere als prall gefüllt. Ich hatte alle Schulden übernommen, die während meiner Ehe entstanden waren, damit meine Ex-Frau, mein Sohn und ihre Tochter finanziell eine bessere Zukunft hatten.

    Das Verhältnis zwischen meiner Ex-Frau und mir schien sich langsam zu normalisieren. Es ging sogar so weit, dass wir vereinbarten, beide Kinder gemeinsam mit Christine in den Urlaub nach Italien mitzunehmen.

    Wie es sich für einen Italiener offenbar gehörte, fuhren wir wieder im August nach San Severino Marche und blieben drei Wochen. Fast täglich ging es von meiner Heimatstadt nach Porto Recanati. Dort hatte ich bei einer Bar einen Sonnenschirm und zwei Liegen für unseren Aufenthalt gemietet – unser kleines Strandquartier mit Meerblick und Urlaubsgefühl.

    Morgens fuhren wir meist gegen halb acht los und kamen abends gegen halb acht zurück. Die Tage verliefen harmonisch, ruhig und beinahe unwirklich schön. Fast zu schön, um wahr zu sein.

    Aber wir hatten die Rechnung ohne die italienische Sonne gemacht.

    Am vorletzten Urlaubstag schlief Christine am Strand ein – ausgerechnet mit dem Gesicht zur Sonne. Zunächst sah es nur nach einem leichten Sonnenbrand aus, denn sie hatte sich täglich sorgfältig eingecremt. Doch bald begannen ihre Augen stark zu schmerzen.

    Also fuhren wir sofort nach San Severino, um in der Apotheke etwas zu bekommen, das die Beschwerden lindern könnte. Leider Fehlanzeige. Der Apotheker riet uns, die Notaufnahme des Krankenhauses aufzusuchen. Ich brachte zuerst die Kinder nach Hause, dann fuhr ich mit Christine dorthin. Inzwischen konnte sie die Augen kaum noch öffnen, und die Schmerzen wurden immer schlimmer.

    Man erklärte mir, dieses Augenproblem sei vergleichbar damit, als würde man eine halbe Stunde lang direkt in die Flamme eines Elektroschweißgeräts schauen. Davon konnte ich leider ein Lied singen, denn während meiner Arbeit als Elektroschweißer war mir das selbst ein paarmal passiert. Es fühlt sich an, als hätte man Sand in den Augen, dazu ein Brennen, das bis in den Kopf zieht. Die Lider lassen sich kaum öffnen, als wären sie verleimt. So etwas wünscht man nicht einmal seinem schlimmsten Feind.

    Der diensthabende Arzt teilte mir mit, Christine müsse zur Kontrolle im Krankenhaus bleiben. Man werde sich gut um sie kümmern, ich solle mir keine allzu großen Sorgen machen und am nächsten Morgen wiederkommen.

    Ich erklärte Christine die Situation, bat sie, sich auszuruhen, und versicherte ihr, dass sie in guten Händen sei. Dann ging ich zurück zu den Kindern – mit einem Knoten im Bauch, den ich mir nicht anmerken lassen wollte.

    Am nächsten Morgen fuhr ich sofort ins Krankenhaus. Dort erschrak ich gleich aus zwei Gründen: Christine konnte die Augen immer noch nicht öffnen – und sie war auf die Entbindungsstation verlegt worden.

    Als ich zu ihr kam, schilderte sie mir völlig verwirrt die Lage. Sie konnte sich nicht erklären, warum um sie herum ständig Frauen stöhnten, als stünde die Geburt unmittelbar bevor. Mit einem kleinen Schmunzeln auf den Lippen erklärte ich ihr, wo sie gelandet war.

    Da musste sogar sie lachen – blind vor Schmerz, aber nicht ohne Humor.

    Ich wartete die Visite ab, um Genaueres zu erfahren. Der Arzt erklärte mir, Christine habe eine schwere Photokeratitis, also einen Sonnenbrand auf beiden Augen, verursacht durch übermäßige UV-Strahlung. Solange sie die Augen nicht öffnen könne, werde sie nicht entlassen, da ernsthafte Folgen möglich seien.

    Das sagte ich Christine natürlich nicht in aller Deutlichkeit. Ich erklärte ihr nur, dass sie noch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben müsse. Damit verlängerte sich unser Urlaub unfreiwillig – und in meinem Kopf begann sofort die Urlaubskasse leise zu weinen.

    Am fünften Tag wurde Christine entlassen. Vorerst musste sie eine Sonnenbrille tragen, um ihre Augen zu schonen. Ich fuhr mit ihr nach Hause, brachte sie in mein abgedunkeltes Zimmer, und wir sprachen über unsere finanzielle Lage.

    Schließlich beschlossen wir, bei Einbruch der Dunkelheit nach München zurückzufahren.

    Um die Kasse zu schonen, entschied ich mich für die Statale Adriatica. Die Strecke war zwar langsamer, aber wir konnten Benzin sparen und vor allem die Autobahngebühren umgehen. In unserer Lage zählte jede Lire – und manchmal fühlt sich Sparen fast so heldenhaft an wie ein Abenteuer.

    Als wir bei Rimini einfuhren, waren wir mit ungefähr 100 km/h unterwegs. Rechts hatten die Carabinieri eine Verkehrskontrolle aufgebaut. Einer der Beamten stand am Straßenrand und gab mir mit seiner Kelle ein Zeichen, die Geschwindigkeit zu reduzieren.

    Genau das tat ich – und fuhr weiter.

    Im Rückspiegel sah ich, wie er zu seinem Dienstwagen ging. Ich dachte mir nichts dabei, denn dort stand nur ein kleiner Fiat 600. Falsch gedacht. Daneben lauerte ein Alfa Giulietta. Plötzlich gingen die Lichter an, und die Verfolgung begann.

    Nach etwa zwei Kilometern hielt ich an. Einer der Carabinieri kam zu unserem Wagen. Ich kurbelte das Fenster herunter und fragte, was los sei. In ziemlich strengem Ton forderte er mich auf, auszusteigen, die Papiere und den Reisepass vorzuzeigen. Dann fügte er hinzu, ich solle froh sein, dass er mich nicht mit einer Maschinenpistole zum Anhalten gebracht habe.

    Ich bat ihn ruhig, mit mir nach hinten zu gehen, zeigte auf das D-Schild am Auto und fragte: „Kennen Sie dieses Zeichen?“

    Als er nickte, sagte ich freundlich, aber bestimmt: „Dann noch so ein Satz von Ihnen, und Sie werden Ihren Rang bald verlieren.“

    Danach entspann sich eine kleine Diskussion über die Kelle. Ich machte ihm klar, dass sein Zeichen nicht bedeutet hatte: „Anhalten!“, sondern lediglich: „Langsamer fahren!“ Und genau das hatte ich getan.

    Nach einigem Hin und Her durfte ich weiterfahren. Ich bedankte mich höflich, fügte aber mit einem Schmunzeln hinzu: „Ohne meine Papiere bewege ich mich keinen Millimeter.“

    Er verstand den Scherz, gab mir die Dokumente zurück, und wir setzten unsere Fahrt fort.

    Gegen sechs Uhr morgens näherten wir uns Verona. Ich war die ganze Nacht gefahren, und Christine bot mir an, das Steuer zu übernehmen. Ich nahm dankbar an. Durch den Umweg hatten wir immerhin rund 10.000 Lire an Autobahngebühren gespart. Deshalb beschloss ich, bei Verona doch auf die Autobahn zu fahren.

    Ein schöner Plan – und wie so oft blieb er genau das: ein Plan.

    Kurz vor Verona erlaubte sich Christine, in einem Überholverbot ein Auto vor uns zu überholen. Man kann sich denken, was passierte: Die Carabinieri hielten uns an, und wir mussten 5.000 Lire Strafe bezahlen.

    Damit war die Autobahn wieder gestrichen.

    Also weiter auf der Landstraße – mit gespartem Geld, angekratzter Laune und einer Geschichte mehr im Gepäck.

    Christines Genesung dauerte noch ein paar Tage, doch zum Glück blieben keine Schäden zurück. Die Photokeratitis wurde für uns zu einer Lektion, die wir nie vergaßen: Die Sonne meint es in Italien zwar gut – manchmal aber eindeutig zu gut.

    Seitdem hatten Sonnenbrillen, Schatten und gesunder Respekt vor UV-Strahlung bei uns einen ganz neuen Stellenwert. Und ich lernte wieder einmal: In Italien kann ein Urlaub friedlich beginnen, medizinisch weitergehen und am Ende trotzdem im Fadenkreuz der Carabinieri landen.

  • 🥩1991 Voll unter die Räder gekommen – wie ein Schnitzel den Punkt gerettet hat

    Durch meine Arbeit war ich meistens an einen Stuhl gebunden, entweder im Büro vor den Bildschirm, bei Meetings, Präsentationen oder Vorträgen etc.

    Mit vierzig habe ich mit dem Fußball spielen, bedingt durch Verletzungen, aufgehört so das ich befürchten musste das meine Fitness darunter leiden wird, also entschloss mich, nachdem mit Kollegen schon ein paarmal Tennis gespielt hatte, es mit Tennis zu probieren. Ich wurde Mitglied einen Tennisverein.  Aber nicht nur ich sondern die Ganze Familie.  

    Ich muss sagen das machte mir Spaß, und hatte das Glück, durch meine Schichtarbeit, zur Zeit spielen zu können, wo die Tennisplätze meisten leer standen.

    Natürlich durch meine innere Einstellung, habe ich etliche Trainerstunden genommen, um mich in mein Spiel zu verbessern, es war auch die Zeit der Tennisboom in Deutschland, mit Boris Becker, Steffi Graf, Claudia Kohde-Kilsch, Boris Becker, Michal Stich, Bernd Karbacher, Charly Steeb und viele andere.  

    Es viel auch auf den Mannschaftsführer der Jungsenioren, auch ein Kollege aus der BMW, das ich ein kleiner Ehrgeizling war, so bot er mir in der ein Teil Jungsenioren Mannschaft zu werden, dieses Angebot nahm ich sehr gerne an.

    Legendär war mein erstes Punktspiel, hatte als Gegner ein sogenannte „Alter Fuchs“ als Gegner, ich hielt schon mit, aber in den entscheidenden Phasen des Spiels, hatte er immer eine bessere Antwort als meine und machte den Punkt.

    Das fiel unsere Mannschaftsführer der mich von draußen zeichne gab, die Bälle hoch zu spielen, es entsprach zwar mein Spielverständnis, aber wenn die Mittel den Zweck erfüllt, soll mir recht sein.  weil mein Spiel war schön anzuschauen, aber das Ergebnis lies zu wünschen übrig, also habe mich diese direktive sofort angenommen.

    Um es nicht in die Länge zu ziehen, ich verlor mein ersten Satz 4:6, aber durch den geänderten Spiel Ansatz, drehte das noch in einen Sieg.

    Mein Gegner, war mehr oder weniger etwas außer sich und hatte Unverständnis für meine etwas profaner Spielweise.

    Ich war auch ein engagierten Ehrenämtler im Verein, so dass die Aufgabe des Sportwartes innehatte, so dass ich im Prinzip wusste wie wo was zu tun ist im Bezug auf Mannschaf und Spieler, es war eine angenehme Aufgabe.

    Der Verein hat auch durch das Engagement der Abteilungsleiter, eine Internationales Damen Turnier jährlich organisiert, auch hier habe ich und meine Frau in der Akquise geholfen, also es machte wirklich Spaß.

    Vor allem dieser Turnierflair einmal im Jahr wahr einmalig, es gehörte zur Warsteiner Circuit in Deutschland und, am Ende der Turnierserien spielten die Siegreichen Damen dass Finale Turnier, dafür gabs dann Preisgelder, aber was für die Damen wichtig war, waren die Punkte für die Deutsche Rangliste.       

    Durch die Mannschaft Betreuung, kam ich mit meinem relativen hohen Alter zu Mehreren Einsätze in der Zweiter Mannschaft der Herren zu spielen.

    Es war einfach herrlich mit jungen Leuten in eine Mannschaft zu spielen, wir hatten viel Spaß und ein großer Zusammenhalt, ich wurde sogar, als Spielführer nominiert.

    Am Vatertag hatten wir ein Heimspiel gegen Oberding.

    Unsere Gegner, waren zwar nicht die super starke Mannschaft, aber sie hatten sehr guten Spieler, so das nach den ersten sechs Einzeln 3 zu 3 gestanden hat, also die Entscheidung sollte durch die drei Ausstehenden Doppel fallen.

    Ich spielte Doppel mit Frank, ein siebzehnjähriger Junger, der mein Sohn hätte sein können, trotzt guten Spielverständnis zwischen uns, ging der erster Satz 6:4 an Oberding.

    In der Satzpause erfuhren wir das die anderen zwei Doppel entschieden wurde und es stand ins Gesamt 4:4, also wir waren die Zünglein an der Waage.

    So gingen wir im zweiten Satz mit dem Rückstand im Rücken an, und, es wurde nicht besser, innerhalb 5 Minuten lagen wir erneut 0:2 zurück, es schien es nicht zu unseren Gunsten laufen zu wollen.

    Zwischen die Ballwechsel sagte Frank: es wird Zeit das wir fertig werden, ich habe ein Mordshungern.

    Daraufhin erwiderte ich: Frank, wenn wir das Spiel gewinnst geht die Schnitzel und was dazu gehört voll auf mein Konto.

    Was soll ich sagen es waren eine einfach dahin geworfene Antwort, aber hatte scheinbar seine Wirkung erreicht, ab diesen Zeitpunkt lief unser Spiel, wir drehte das Spiel um aus ein 4:6 / 0:2 haben wir ein 6:2 und 6:1 gemacht.

    Dadurch haben wir das Gesamten Spiel 5:4 gewonnen.

    Im Anschluss machte wir mit ein paar Leute ein kleiner Ausflug mit der Mannschaft nach Hallnberg bei Walpertskirchen, dort bekam der Frank sein wohl verdiente Schnitzel und wir feierten den Sieg und auch den Vatertag.    

  • 🐕 1957 – Laika, l’influenza asiatica e l’appendicite

    🐕 1957 – Laika, l’influenza asiatica e l’appendicite

    Anche noi del collegio non fummo risparmiati dall’influenza asiatica. Era settembre del 1957 quando l’ondata influenzale ci raggiunse.

    All’inizio colpì soltanto pochi ragazzi, ma verso la fine del mese sembrava ormai essersi impadronita quasi dell’intero collegio, me compreso.

    Mi portarono all’ospedale di Ancona perché, a quanto pare, presentavo i sintomi tipici dell’influenza asiatica, ma senza febbre.

    Appena arrivato, però, fui subito trasferito: improvvisamente si parlava di Itterizzia, così finii nell‘ apposito Reparto.

    Scoprii che in medicina si può cambiare reparto in un batter d’occhio, senza avere nemmeno il tempo di disfare la valigia.

    Il giorno seguente fui visitato di nuovo e, guarda caso, scoprirono che che avevo Infiammazione acuta dell’appendice.

    Nel giro di mezz’ora mi ritrovai in sala operatoria.

    Dall’influenza asiatica all’itterezia, dall’itterizzia all’appendicite: a quanto pare, le diagnosi facevano salti ben più grandi di quelli che riuscivo a fare io a quell’età.

    Ricapitolando rapidamente:

     Ricoverato per sospetta influenza asiatica.
     Nuova diagnosi: itterizzia.
     Nuova diagnosi: Infiammazione acuta dell’appendice e operazione immediata.

    Che cosa potevo pensare, a quattordici anni, di quella piccola odissea medica?

    Sinceramente, nulla.

    All’epoca non capivo assolutamente nulla di medicina e, a essere del tutto onesto, da allora le mie conoscenze sono migliorate soltanto in misura modesta.

    Oggi riesco almeno a distinguere un raffreddore da uno strappo muscolare, ma la mia competenza professionale finisce più o meno lì.

    In quei giorni, quindi, non nutrivo particolari dubbi sull’arte medica italiana. Pensavo soltanto:

    «Sapranno sicuramente quel che fanno.» 

    Poco tempo dopo, mentre ero ancora convalescente, il mio pensiero andava spesso a Laika, la piccola cagnolina che viaggiava intorno alla Terra a bordo dello Sputnik 2.

    Speravo con tutto il cuore che non le accadesse qualcosa di simile a lei come era  successo a me con il ricovero: un viaggio verso l’ignoto, dall’esito incerto, accompagnato dalla speranza di tornare sana e salva.

    Purtroppo il destino non fu affatto clemente con Laika.

    Tramite la mia Odyssea ospedaliera, il lato positivo fu, usufruire die una lunga convalescenza, che trascorsi, a San Severino Marche.

    Questa fu la parte migliore della Medaglia.

    Durante la convalescenza facevo spesso lunghe passeggiate.

    Un giorno mi ritrovai nei pressi dello stadio di San Severino Marche, dove giocava la Settempeda. Guardando alcuni ragazzi allenarsi, capii che stavano svolgendo un provino di calcio.

    Raccolsi tutto il mio coraggio e mi avvicinai lentamente alla porta, che in quel momento era vuota e, chiesi ai presenti se potevo mettermi in porta, il ciò fu appreso con molto entsiasmo,  

    cosi come ero vestito, mi misi tra i pali, cominciai a giocare, entusiasmando i ragazzi con le mie parate.

    Poco dopo si avvicinò Renato, un centravanti,  allora molto conosciuto nelle Marche, che giocava nella Sambenedettese, in Serie B, la seconda divisione italiana.

    Mi chiese con quale squadra  e dove giocassi.

    Risposi semplicemente:

    «Ad Ancona, nella squadra del collegio.»

    In seguito mi parlò un Dirigente della S.S. Settempeda e mi chiese se volessi entrare nella squadra locale.

    Purtroppo dovetti rifiutare: avevo appena iniziato la scuola tecnica ad Ancona, che volevo assolutamente portare al termine.

    Fino al 1960, quindi, non potei giocare con la Settempeda di San Severino Marche.

    Ma fu proprio da quell’incontro casuale che, qualche anno più tardi, iniziò la mia breve ma intensa carriera calcistica.

    Arrivai perfino a un valore di mercato di cinque milioni di lire, che oggi corrisponderebbero a circa 32.500 Marchi di allora.

    Non male per uno che, poco tempo prima, era passato dall’influenza all’itterizia e poi all’appendicite, rischiando quasi di lasciarci le penne.

    Quando tornai a casa, però, dovetti prima ascoltare la predica di mia madre, perché i miei vestiti erano completamente sporchi.

    Inventai una piccola bugia d’emergenza e dissi di essere inciampato e caduto in una pozzanghera. Per fortuna, almeno la cicatrice dell’appendicite era rimasta illesa.

    Mia madre si accontentò della spiegazione e, per mia fortuna, non fece altre domande.

    Altrimenti avrei probabilmente dovuto spiegarle come si possa finire, per puro caso, in porta su un campo da calcio pochi giorni dopo un’operazione.

  • ⚽1961 – Nando – der Mann mit den zwei linken Fußballschuhen

    Damals spielte ich bei der S.S. Settempeda unter Mister Pin – einem Mann, der vermutlich schon beim Frühstück mehr Disziplin ausstrahlte als wir alle zusammen auf dem Fußballplatz. Zu Beginn der Saison war ich nur zweite Wahl, denn ein eingekaufter Spieler aus Camerino hatte mir den Stammplatz weggeschnappt. Doch wirklich beklagen konnte ich mich nicht. Das Training machte Spaß, die monatliche Aufwandsentschädigung kam pünktlich, und wenn ich im Kader stand, gab es sogar die volle Spielprämie – selbst dann, wenn ich den größten Teil des Spiels aus nächster Nähe bestaunen durfte.

    Mit diesem Reservistendasein war ich allerdings nicht allein. Da gab es noch einige Jungs aus San Severino, unter anderem Nando. Rein äußerlich war er eine Wucht: groß, kräftig und sportlich gebaut. Kurz gesagt: Für die Leichtathletik geboren. Für Fußball… sagen wir es freundlich: mit bemerkenswertem Optimismus ausgestattet.

    Trainiert wurde trotzdem, als hinge unser Leben davon ab. Dreimal pro Woche wurde gelaufen, geschwitzt und gelitten. Auch wir Reservisten hofften Woche für Woche auf unsere Chance. Für mich kam sie bereits im Januar, bei Nando dauerte es bis Mai.

    Als Mister Pin am Samstagabend bekanntgab, dass Nando am Sonntag gegen Monte San Giusto im Kader stehen würde, war für ihn klar: Das war nicht einfach ein Spiel. Es war sein WM-Finale, sein persönlicher Maradona-Moment.

    Am Sonntagmorgen um zehn Uhr ging es los. Kaum hatte sich der Bus an der Piazza del Popolo in Bewegung gesetzt, brüllte plötzlich jemand:

    „Stopp! Ich muss nach Hause – ich habe meine Fußballschuhe vergessen!“

    Natürlich war das Nando.

    Zum Glück wohnte er nicht weit entfernt, also fuhr der Bus kurzerhand bis vor seine Haustür. Wenige Augenblicke später war er wieder an Bord, und wir dachten alle:

    Schlimmer kann es heute nicht mehr werden.

    Doch wir hatten die Rechnung ohne Nando gemacht.

    In der Kabine, kurz vor dem Spiel, stieß er plötzlich einen Schrei aus:

    „Jungs … ich habe zwei linke Fußballschuhe dabei!“

    Einen Augenblick lang herrschte absolute Stille.

    Dann brachen wir alle in Gelächter aus.

    Aber das Schönste war Nando selbst. Denn kaum hatte er den ersten Schock überwunden, grinste er schon wieder und sagte:

    „Na gut, dann spiele ich eben mit zwei linken Schuhen. Vielleicht täusche ich damit wenigstens den Torwart.“

    Und damit war jede Nervosität verschwunden.

    Wir lachten Tränen – nicht über ihn, sondern mit ihm. Denn genau so war Nando.

    Und dann schrieb der Fußball wieder einmal seine eigenen Geschichten.

    Wir gingen tatsächlich mit 1:0 in Führung.

    Torschütze?

    Natürlich Nando.

    Ja, genau der Nando.

    Der Mann mit den zwei linken Fußballschuhen.

    Bis heute weiß ich nicht, mit welchem Fuß er das Tor geschossen hat, und vielleicht ist es besser so. Manche Wunder sollte man nicht allzu genau hinterfragen.

    Am Ende stand es 1:1. Ich musste leider noch einen Elfmeter hinnehmen, und gewonnen haben wir nicht.

    Aber geblieben ist etwas viel Schöneres.

    Nicht das Ergebnis.

    Nicht die Tabelle.

    Sondern dieser eine Tag, diese Aufregung, dieser Busstopp vor seinem Haus, dieser Schrei in der Kabine – und Nando, wie er mit zwei linken Fußballschuhen das Unmögliche möglich machte.

    Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich immer noch lachen. Aber es ist dieses warme Lachen, das nur Erinnerungen schenken können.

    Und wenn irgendwo da oben ein Fußballgott für gute Anekdoten zuständig ist, dann hat er an diesem Tag ganz sicher seine Hände im Spiel gehabt – auch wenn Nando nur linke Schuhe anhatte.

  • 🪰 1989 – Das Surren der Fliegen – Karfreitag im Dom der Maschinen

    Historische IBM-System/360-Anlage – Symbolbild für die Großrechnerwelt.

    Es gibt Tage im Berufsleben, die verschwinden spurlos im grauen Einerlei von Dienstplänen und Schichtübergaben. Und dann gibt es jene Tage, die sich unauslöschlich einprägen – nicht, weil man sie sich ausgesucht hätte, sondern weil ein einziges Geräusch, eine kleine Unachtsamkeit oder ein falscher Schritt genügt, um sie für immer im Gedächtnis zu verankern. Dieser Karfreitag gehörte eindeutig zur zweiten Sorte.

    Unsere Nachtschicht war damals längst eingespielt wie ein Uhrwerk, das nur gelegentlich aufgezogen werden musste. Zu Beginn der Schicht betrug die eigentliche Arbeitszeit meist vier bis fünf Stunden, doch nicht selten reichte sie bis tief in den Samstag oder sogar in Feiertage hinein. In der Jobvorbereitungsgruppe hatten wir deshalb eine einfache und vernünftige Regel eingeführt: An solchen Tagen löste die Frühschicht die Kollegen der Nacht spätestens um 8:00 Uhr ab. Das System funktionierte erstaunlich gut.

    Es war Ostern 1989. In der Karwoche hatte ich Frühschicht und löste am Karfreitag um 6:00 Uhr Hans ab, meinen Trauzeugen. Schon bei der Übergabe sah man ihm die anstrengende Nacht an. Mehrere Datenbanken waren beschädigt worden und mussten dringend repariert werden. Den verbliebenen Rest dieser Arbeit übernahm ich und brachte ihn schließlich zu Ende.

    IBM-3090-Rechenzentrum – Symbolbild für die Großrechnerwelt der 1980er-Jahre

    Zum Glück musste an gesamtdeutschen Feiertagen die Online-Verfügbarkeit nicht bereits um Punkt sechs Uhr gewährleistet sein. Die gesamte Verwaltung – Autoauslieferung, Buchhaltung, Ersatzteilwesen, Export, Fertigerzeugnisse, Kfz-Briefe, Materialwirtschaft, Ordering, Technischer Informationsdienst und viele weitere Bereiche – musste erst gegen 11:30 Uhr vollständig onlinefähig sein. Im Ernstfall hätten wir selbstverständlich Prioritäten setzen können. Doch es war Karfreitag. Und an Karfreitagen scheint selbst ein Rechenzentrum einen Gang herunterzuschalten.

    Nachdem die Datenbanken wiederhergestellt waren, kehrte allmählich Ruhe ein. Die Maschinen arbeiteten wieder im gewohnten Rhythmus, als wäre nie etwas geschehen. Und wir gönnten uns sogar eine wohlverdiente Mittagspause. Wer mit Großrechnern gearbeitet hat, weiß: Eine ruhige Mittagspause nach einer solchen Nacht ist kein Luxus, sondern beinahe ein Geschenk des Himmels.

    Gegen 14:00 Uhr verabschiedete sich die Frühschicht aus dem Maschinensaal, den wir ehrfürchtig und gleichzeitig mit einem Augenzwinkern „den Dom“ nannten. Dort residierten Max, Moritz und die Witwe Bolte – drei IBM-360/85-Anlagen mit ihren Platteneinheiten, dem sogenannten „Kaninchenstall“, dazu sechsunddreißig oder vierzig Bandeinheiten, Lochkartenleser, mehrere Drucker und allerlei Peripheriegeräte. Es war ein eigenes Universum aus Metall, Kabeln, Wärme, Lichtsignalen und ständigem Rauschen. Hackerangriffe, wie sie die spätere IT-Welt kennenlernen sollte, existierten damals noch nicht. Damals konnte man den größten Schaden noch mit dem eigenen Fuß anrichten.

    Gegen 15:30 Uhr vervollständigte ich das Schichtprotokoll und machte meine Kontrollrunde. Ich überprüfte, ob noch etwas offen war und ob alle Projekte ihre finale Sicherung für den nächsten Online-Start erhalten hatten. Anschließend ging ich zu den Druckern und unterhielt mich mit dem Operator.

    Während unseres Gesprächs bewegte ich mich rückwärts in Richtung Ausgang – eine jener unbedachten Kleinigkeiten, die sich im Nachhinein als Auftakt zu einem Drama entpuppen. Ich übersah eine leicht verschobene Doppelbodenplatte, verlor das Gleichgewicht, riss instinktiv die Arme hoch und fiel rücklings zu Boden.

    Und weil das Leben gelegentlich einen ausgesprochen schwarzen Humor besitzt, traf ich beim Fallen ausgerechnet den roten Hauptschalter.

    Der Dom verstummte.

    Von einer Sekunde auf die andere war das vertraute Rauschen verschwunden. Kein Summen, kein Klackern, kein rhythmisches Arbeiten der Geräte. Nur Stille. Eine solche Stille, dass man tatsächlich das Surren einer einzigen Fliege hätte hören können.

    Der Operator, der alles beobachtet hatte, eilte sofort zu mir. Wahrscheinlich sah ich in diesem Augenblick nicht nur erschrocken, sondern bereits kreidebleich aus.

    „Alles in Ordnung?“

    Ich brachte lediglich ein leises, stotterndes „Ja, ja …“ hervor.

    Der IBM-Bereitschaftsdienst wurde verständigt, ebenso der Leiter des Rechenzentrums. Zum Glück hielt sich der Schaden in Grenzen. Lediglich eine 3380-Platte hatte ihren Geist aufgegeben und konnte dank der zuvor angefertigten Sicherungen wiederhergestellt werden.

    Gegen 18:00 Uhr war der Spuk vorbei. Der Dom atmete wieder. Die Technik lief, und ich konnte mit einem etwas flauen Magen nach Hause fahren.

    Am Osterdienstag folgte der unvermeidliche Rapport beim Stellvertreter des Bereichsleiters, einem ehemaligen Bundeswehroffizier. Zunächst verlief das Gespräch ruhig und sachlich. Dann stellte er die Frage, die offenbar schon die ganze Zeit im Raum gestanden hatte:

    „Herr Pioli, hatten Sie am Freitag etwas getrunken?“

    Da fuhr ich, zugegeben, ein wenig aus der Haut.

    „Erstens: Glauben Sie wirklich, dass ich es Ihnen jetzt sagen würde, wenn ich etwas getrunken hätte? Und zweitens: Dass ich mich an diesem Schaltpult wegen einer schlecht sitzenden Doppelbodenplatte verletzt habe, kommt Ihnen überhaupt nicht in den Sinn?“

    Nun geriet er seinerseits ins Stottern.

    „Nein, nein, Herr Pioli, so war das nicht gemeint …“

    Damit war die Angelegenheit beendet. Ich kehrte an meinen Arbeitsplatz zurück – aufrechter, als ich am Karfreitag gefallen war.

    Immerhin zog man Konsequenzen aus dem Vorfall. Die Bodenplatte wurde ordentlich justiert, und der rote Hauptschalter erhielt einen stabilen Schutzdeckel, der erst geöffnet werden musste, bevor man den Schalter überhaupt betätigen konnte. Die Anlage war danach besser geschützt – vermutlich auch vor mir.

    Den alten roten Schalter schenkte man mir später als Erinnerung. Heute liegt er oben auf dem Speicher. Ein kleines Stück Rechenzentrumsgeschichte und ein Denkmal meiner unfreiwilligen Großtat.

    Ausgeschaltet wird damit nichts mehr.

    Höchstens gelegentlich die Vorstellung, dass Technik immer nur von innen heraus versagt.

  • 1972 – Du biegst ab – und weißt nicht, was dich erwartet ( Teil 1)

    Unser erstes Versprechen war eingehalten

    Manchmal ist das Leben wie ein Navigationsgerät ohne Ansage. Man biegt ab – und weiß nicht, ob hinter der nächsten Kurve eine Sackgasse, ein Sonnenaufgang oder das größte Abenteuer des Lebens wartet.

    1972 war ich seit zehn Jahren in Deutschland. Zeit, Bilanz zu ziehen. Das Positivste in diesem Jahr war meine neue Arbeitsstelle bei BMW in München. Beruflich lief es gut, privat dagegen befand ich mich mitten im berühmt-berüchtigten „verflixten siebten Jahr“. Sieben Jahre Ehe lagen hinter mir, und leider hatte dieser Ausdruck seinen Ruf nicht ganz zufällig erhalten. Die Krise war unübersehbar.

    Ich hatte einen kleinen Sohn, und gerade deshalb fiel mir jede Entscheidung unendlich schwer. Doch immer wieder erinnerte ich mich an einen Satz, den mir Jahre zuvor eine Professorin an der Fachoberschule in Ancona mit auf den Weg gegeben hatte:

    „Wenn du eines Tages den Mut hast, dein ganzes Hab und Gut zusammenzupacken und loszulassen, um einen neuen Weg zu beginnen, dann brauchst du dir später nichts vorzuwerfen – egal, ob dieser Weg gut oder schlecht ausgeht. Allein der Mut, es versucht zu haben, ist schon etwas wert.“

    Dieser Satz hatte mich mein ganzes Leben begleitet. Das Einzige, was mich bis dahin davon abhielt, einen Neuanfang zu wagen, war mein Sohn.

    Der Zufall – oder vielleicht das Schicksal – wollte es, dass ich im April beim Starnberger Frühjahrsmarsch ein Mädchen wiedertraf, das ich bereits während meiner Trainee-Zeit bei der Metro kennengelernt hatte. Zunächst begegneten wir uns am Münchner Bahnhof. Sie und ihre Freundin gingen an meinem Platz im Zug vorbei, kamen jedoch kurze Zeit später zurück, weil kein anderer Sitzplatz mehr frei war.

    So begann alles.

    Gemeinsam liefen wir die ersten 25 Kilometer. Ich marschierte anschließend die gesamten fünfzig Kilometer zu Ende – vermutlich aus sportlichem Ehrgeiz, vielleicht aber auch, weil junge Männer in solchen Momenten oft über mehr Ausdauer als Vernunft verfügen.

    Auf der Rückfahrt saßen wir wieder zusammen. Irgendetwas hatte begonnen. Ganz leise, ohne großes Feuerwerk, aber deutlich spürbar.

    Offenbar fanden wir uns sympathisch – jedenfalls sympathisch genug, um die Bekanntschaft nicht nach fünfundzwanzig Kilometern zu beenden. Schon am darauffolgenden Montag trafen wir uns auf einen Kaffee am Elisabethplatz in München. So begann unsere Geschichte.

    Es folgten Monate, in denen Glück und Schmerz dicht beieinanderlagen. Da war die bevorstehende Scheidung, die wachsende Zuneigung zu meiner Freundin und zugleich die schmerzliche Gewissheit, mich von meinem Sohn trennen zu müssen.

    Die Scheidung erfolgte am 3. August. Ich zog aus München in die Nähe von Erding. Dem Himmel sei Dank litt meine Arbeit unter all diesen inneren Turbulenzen nicht. BMW bekam weiterhin einen halbwegs funktionierenden Mitarbeiter geliefert.

    Da wir gemeinsam Urlaub machen wollten, hielt ich es für selbstverständlich, mich zunächst ihren Eltern vorzustellen. Christine war noch nicht volljährig, und gerade deshalb war es für mich eine Frage des Respekts und des guten Benehmens, ihre Eltern persönlich kennenzulernen.

    Ab dem 6. August hatten wir Urlaub. Für den 11. August war ein kleiner Bungalow in einem Feriendorf bei Porto Recanati gebucht. Doch wir fieberten dieser Reise so entgegen, dass wir unsere ursprünglich für Freitag geplante Abfahrt kurzerhand auf Mittwoch vorverlegten. Geduld gehörte in jenem Sommer offenbar nicht zu unseren größten Tugenden.

    Wir versprachen ihren Eltern, uns regelmäßig zu melden, damit sie sich keine Sorgen machen mussten. Ein sehr vernünftiger Vorsatz, wie sich bald herausstellen sollte.

    Gegen 14 Uhr fuhren wir los. Ohne festen Plan, voller Leichtigkeit und mit dem Gefühl grenzenloser Freiheit. Zwei Stunden später standen wir bereits am Brennerpass. Nachdem wir D-Mark in Lire getauscht hatten, beschlossen wir spontan, über Franzensfeste und Cortina d’Ampezzo zu fahren und von dort aus den ersten Anruf nach München zu tätigen.

    Es wurde eine der schönsten Panoramafahrten unseres Lebens. Die Dolomiten präsentierten sich majestätisch, während unsere Reiseplanung eher mediterran locker daherkam.

    In Cortina fanden wir schließlich eine Telefonvermittlung. Gegen 18:50 Uhr meldeten wir ein Ferngespräch nach München an. Vor uns standen allerdings zahlreiche Voranmeldungen. Geduldig warteten wir – bis uns gegen 20:10 Uhr eine Angestellte freundlich, aber bestimmt erklärte, dass die Telefonzentrale nun schließe und wir bitte den Raum verlassen sollten.

    Wir standen da wie vom Donner gerührt.

    Offenbar hatte die italienische Telefongesellschaft bereits Feierabend, während unsere familiäre Beruhigungsmission gerade erst begonnen hatte.

    Nachdem wir uns von diesem kleinen Schock erholt hatten, beschlossen wir zunächst, ein Hotel zu suchen und von dort aus anzurufen. Diese Aufgabe hatte nun höchste Priorität.

    Von Cortina bis kurz vor Treviso fragte ich in mindestens zehn oder fünfzehn Hotels und Pensionen nach einem Zimmer. Jedes Mal begann ich höflich auf Italienisch – und jedes Mal erhielt ich dieselbe Antwort:

    „Tutto completo.“

    Alles ausgebucht.

    Mein Italienisch wurde von Hotel zu Hotel flüssiger, die Zimmerlage dagegen blieb hartnäckig unverändert.

    Langsam wurde ich nervös. Gegen 22:20 Uhr, fast schon in Treviso, sagte ich zu Christine:

    „Weißt du was? Jetzt gehe ich hinein und spreche einfach Deutsch!“

    Gesagt, getan.

    Und Ihr werdet es kaum glauben: Es funktionierte tatsächlich.

    Nicht schlecht staunten die Leute an der Rezeption allerdings, als ich ihnen zur Anmeldung meinen italienischen Reisepass überreichte. Damit hatte offensichtlich niemand gerechnet – am wenigsten die Dame hinter dem Empfang.

    Wir bekamen ein Zimmer und konnten endlich ihre Eltern in München anrufen.

    Unser erstes Versprechen war eingehalten.

    Das war unser erstes kleines Abenteuer.

    Und wie sich später herausstellen sollte, sollten noch viele weitere folgen.

  • 1972 – Wir sind gut um die Kurve gekommen (Teil2 )

    Nach unserer abenteuerlichen Fahrt von Cortina nach Treviso beschlossen wir am nächsten Tag, nach Venedig zu fahren. Die Lagunenstadt lag nur noch etwa zwanzig Minuten entfernt.

    Gegen halb elf parkten wir das Auto in der Nähe des Bahnhofs und fuhren mit dem Vaporetto den Canal Grande entlang. Irgendwo weit vor dem Markusplatz stiegen wir aus und tauchten ein in diese unverwechselbare Welt aus engen Gassen, stillen Kanälen, alten Palästen und unzähligen Brücken.

    Für Christine war es der erste Besuch in Venedig. Ich selbst war schon einmal dort gewesen, und mir wurde warm ums Herz. Schöne Erinnerungen kamen zurück: an einen Urlaub mit Opa, Oma und Zia Maria, lange bevor das Leben komplizierter geworden war.

    Vor Venedig waren wir gewarnt worden.

    „Passt auf, Venedig ist teuer!“, hatte Christines Tante in München gesagt.

    Doch wir empfanden das ganz anders. Für umgerechnet neun Euro bekamen wir ein Touristenmenü mit Pasta, einer kleinen Bistecca ai ferri, Salat, Wasser, Coperto und sogar einem halben Liter Wein.

    Das lag vermutlich daran, dass wir nicht direkt unter den Arkaden des Markusplatzes saßen, sondern dort, wo Venedig leiser wurde und man zwischen den kleinen Gassen noch den Atem der Stadt spüren konnte.

    Auch dieser wunderbare Tag ging zu Ende. Wir übernachteten irgendwo zwischen Venedig und dem Süden und erreichten am nächsten Nachmittag unseren gemieteten Bungalow in Porto Recanati.

    Eigentlich hätten wir uns dort ausruhen können.

    Doch schon kurze Zeit später schlug ich vor, nach San Severino zu fahren.

    Ich hatte Sehnsucht.

    Vor allem wollte ich Christine meine marchigianischen Hügel und die alten Borghi zeigen. Sie war begeistert. Später gestand sie mir, dass sie sich die Marken ganz anders vorgestellt hatte.

    „Fast wie Bayern“, sagte sie, „nur mit sanfteren Hügeln.“

    Gegen halb sechs erreichten wir San Severino.

    Um möglichst nicht erkannt zu werden, hatte ich mich mit Käppi und dunkler Sonnenbrille getarnt. Auf keinen Fall wollte ich jemandem aus der Familie begegnen.

    Doch das Schicksal hatte andere Pläne.

    Kaum waren wir auf der Piazza del Popolo angekommen, überquerte der Mann meiner Mutter die Straße. Vor Schreck wäre ihm beinahe das Paket aus der Hand gefallen.

    Ich hielt an und begrüßte ihn.

    Er lud mich sofort nach Hause ein.

    Doch ich lehnte ab.

    „In diesem Haus lebt jemand, der leicht zu plärren anfängt“, sagte ich. „Darauf habe ich keine Lust.“

    Natürlich stellte ich ihm auch Christine vor und kündigte an, zunächst Zia Teresa im Kloster Santa Chiara zu besuchen.

    Kaum waren wir dort angekommen, erschien die Zia im Besucherraum. Zwischen uns befanden sich das doppelte Eisengitter und die Maueröffnung, wie es bei den Klarissinnen üblich war.

    Plötzlich klingelte das Telefon.

    Kurz darauf wurde Zia Teresa gerufen.

    Als sie zurückkam, sagte sie:

    „Deine Mutter ist am Telefon.“

    Das Telefon stand in der Ruota, jener drehbaren Holztrommel, durch die die Schwestern ihre Gäste versorgten.

    Ich nahm den Hörer und stellte sofort die Spielregeln klar:

    „Wenn du anfängst zu plärren, lege ich auf.“

    Es wirkte.

    Sie blieb ruhig und fragte lediglich, ob ich nicht auf einen Caffè vorbeikommen wolle.

    Ich sagte zu – allerdings nicht zu Hause.

    Wir vereinbarten ein Treffen auf der Piazza del Popolo, unter der Uhr der Misericordia.

    Als wir dort ankamen, sah ich sie schon stehen.

    Und plötzlich fragte ich mich, warum ich mich nicht viel früher gewehrt hatte.

    War es Respekt?

    Angst?

    Ich weiß es nicht.

    Und heute will ich es auch gar nicht mehr wissen.

    Ich parkte das Auto, stieg aus und sagte in einem Ton, der keinen Zweifel zuließ:

    „Das ist Christine, meine Freundin. Wenn es passt, ist es gut. Wenn nicht, steige ich wieder ins Auto und fahre.“

    Doch nichts geschah.

    Die Furie war handzahm geworden.

    Schließlich fuhren wir sogar gemeinsam in die Via San Biagio, tranken unseren Caffè und redeten lange miteinander.

    Gegen acht Uhr abends kehrten wir nach Porto Recanati zurück.

    Zum ersten Mal hatte ich ihr klargemacht, dass ich erwachsen war.

    Ich brauchte keinen familiären Schutz mehr.

    Ich hatte inzwischen selbst eine Familie.

    Ich kam gerne zu Besuch, aber nicht mehr als jemand, über den man verfügen konnte.

    Der Urlaub verlief wunderbar.

    Christine gewöhnte sich langsam an die marchigianische Küche. Besonders der Vernaccia di Serrapetrona hatte es ihr angetan.

    Mit Miesmuscheln und Tintenfisch dagegen stand sie zunächst auf Kriegsfuß. Doch auch diese kulinarische Hürde nahm sie mit bemerkenswerter Tapferkeit.

    Wie alle schönen Dinge ging auch dieser Urlaub irgendwann zu Ende.

    Leider hatten wir etwas zu großzügig eingekauft.

    Das Auto war voll mit Wein und Lebensmitteln.

    Kurz vor Kufstein übergab ich Christine das Steuer, reichte ihr meinen Reisepass und erklärte:

    „Ich schlafe jetzt. Und wenn man dich fragt, ob wir etwas zu verzollen haben, sagst du einfach Nein.“

    Offenbar waren die Grenzbeamten bereits in olympischer Vorfreude, denn wir passierten die Grenze ohne jede Kontrolle.

    Christine dagegen war so angespannt, dass sie fast einen Kilometer lang mit Vollgas im ersten Gang fuhr.

    Schließlich sagte ich:

    „Sei bitte so freundlich und schalte mal hoch. Sonst hält uns am Ende doch noch der Zoll an.“

    Das waren die Höhepunkte unseres ersten gemeinsamen Urlaubs.

    Viele weitere sollten folgen.

    Und obwohl diese Reise für zwei Verliebte viel zu kurz war, blieb sie wie ein heller Anfang in unserer Erinnerung.

    Heute, nach 54 gemeinsamen Jahren, davon 48 als Ehepaar, sind wir immer noch zusammen.

    Wir sind durch dick und dünn gegangen, haben drei Kinder großgezogen und vieles erlebt, was ein Leben reich, schwer, schön und unverwechselbar macht.

    Vielleicht war dieser erste Urlaub bereits der Beweis dafür, dass wir nicht nur gemeinsam losfahren konnten.

    Sondern auch gemeinsam ankommen würden.

    Immer wieder.

    Durch jede Kurve des Lebens.

    Und, Gott sei Dank, sind wir bis heute ziemlich gut um die Kurve gekommen.

  • 🚉1962 – München Hauptbahnhof – Gleis 11

    🚉1962 – München Hauptbahnhof – Gleis 11

    Oder: Warum ich nicht gleich wieder nach Italien zurückfuhr

    Durch einen Aushang am Rathaus erfuhr ich, dass in Deutschland Arbeiter gesucht wurden. Ich lief sofort nach Hause und erzählte es meiner Mutter. Sie nahm die Nachricht zur Kenntnis, ohne mit der Wimper zu zucken. Kein Staunen, keine Sorge, keine Freude. Ich glaube, unser Streit wenige Wochen zuvor hatte etwas in ihr verschlossen, das sich auch durch diese Nachricht nicht mehr öffnen ließ.

    Also stellte ich beim Arbeitsamt meinen Antrag auf Auswanderung. Von diesem Augenblick an setzte sich etwas in Bewegung, das sich nicht mehr aufhalten ließ.

    Innerhalb von drei Wochen hatte ich zwei medizinische Untersuchungen in Macerata hinter mir, eine Krampfaderoperation in San Severino und schließlich meinen nagelneuen Reisepass in der Tasche. Dabei stellte sich heraus, dass ich sämtliche Unterlagen bisher als Gianfranco unterschrieben hatte – was, wie man mir freundlich, aber bestimmt erklärte, aus amtlicher Sicht keine besonders gute Idee gewesen war.

    Bei meiner Geburt war ich als Gianfranco Scalera eingetragen worden, nach meinem leiblichen Vater. So stand es auch im Taufregister des Doms von Sant’Agostino in San Severino Marche, und soweit ich weiß, steht es dort bis heute.

    Ab Mai 1962 war ich offiziell Franco.

    Nur um meinen Großvater, meinen ewigen Helden, tat es mir leid. Das „Gian“ hatte ich zu seinen Ehren getragen. Aber diese Veränderung hat er nicht mehr erlebt.

    Der 24. Mai 1962 war ein seltsamer Tag.

    Mit zwei Koffern in der Hand und zehntausend Lire in der Tasche verließ ich unser Haus, überquerte die Piazza del Popolo und machte mich auf den Weg zum Bahnhof.

    Vorher wollte ich noch ein letztes Mal meinen Lieblingsweg durch San Severino gehen. Vielleicht klingt das pathetisch, aber für mein Herz war dieser kleine Ort die ganze Welt.

    Ich ging noch einmal unter den Arkaden entlang, am Teatro Feronia vorbei, jenem Ort, der mein Schicksal mal zum Guten, mal zum Schlechteren gelenkt hatte. Wenige Schritte weiter kaufte ich meine letzten Zigaretten in San Severino – ausgerechnet bei meinem Nachbarn, der Priester werden wollte und den ich Jahre zuvor erfolgreich zum Traubenstibitzen verführt hatte. Auch das gehörte zu meinen eher unheiligen pädagogischen Leistungen.

    Ich ging diesen Weg allein.

    Nur mein Nachbar wünschte mir alles Gute.

    Schon damals spürte ich, dass sich eine Träne lösen wollte. Damals unterdrückte ich sie. Heute, während ich diese Zeilen schreibe, lasse ich sie einfach laufen.

    Ja, ich war allein und hatte das Gefühl, als hätte mich die Welt ein kleines Stück zurückgelassen.

    Ein paar Stunden später saß ich jedoch mit vielen anderen Auswanderern in einem Zug, der für mich nur einen Namen hatte:

    Hoffnung.

    Gegen 18 Uhr erreichten wir Verona. Im Auswandererzentrum wurden uns Schlafplätze in einem riesigen Saal zugewiesen. Danach waren wir den Ärzten ausgeliefert, die uns gründlich auf Herz und Nieren prüften.

    Am 28. Mai wurden wir gruppenweise aufgerufen, um Arbeitsverträge zu unterschreiben.

    Zunächst fand ich nichts Passendes.

    Dann hieß es plötzlich:

    „Für München werden Elektroschweißer gesucht.“

    Da griff ich sofort zu.

    Schließlich hatte ich in Matelica einen dreimonatigen Lehrgang besucht. So bekam ich meinen Arbeitsvertrag bei der Firma Rathgeber in München-Moosach.

    Zum ersten Mal seit Wochen kehrte etwas Ruhe in mich ein.

    Am 29. Mai wurden wir, ungefähr dreitausend auswanderungswillige Italiener, in einen Sonderzug verfrachtet und nach Deutschland gebracht.

    Am Mittwoch, dem 30. Mai 1962, kamen wir auf Gleis 11 des Münchner Hauptbahnhofs an.

    Und was soll ich sagen?

    Ich war auf der Stelle enttäuscht.

    Nach den Erzählungen der Heimkehrer bestand Deutschland praktisch ausschließlich aus blonden und hübschen Mädchen.

    Doch als ich aus dem Zug stieg, sah ich nicht eine einzige.

    Für einen kurzen Augenblick spielte ich ernsthaft mit dem Gedanken, den Irrtum rückgängig zu machen und wieder nach Hause zu fahren.

    Doch dann dachte ich an meine Mutter.

    Dieser Gedanke brachte mich augenblicklich zur Vernunft.

    Also sagte ich mir:

    „Na gut, dann eben vorwärts.“

    Man brachte uns in den Bunker gegenüber der Herrentoilette am Gleis 11, reichte uns Bananen und Äpfel und nahm erneut unsere Personalien auf.

    Anschließend holte uns ein Dolmetscher ab und brachte uns nach München-Moosach, wo sich die ganze Prozedur noch einmal wiederholte.

    Danach mussten wir eine Schweißprobe ablegen.

    Ich will nichts beschönigen:

    Ich habe sie mit einer gewissen Gründlichkeit vermasselt.

    Man verlangte von mir, vertikal über eine 90-Grad-Ecke zu schweißen – etwas, das ich bis dahin noch nie gemacht hatte.

    Das Ergebnis waren einige sehr überzeugende Löcher im Metall.

    Statt eines Schweißgeräts drückte man mir fürs Erste einen Besen in die Hand.

    Gleichzeitig versprach man mir jedoch einen Schweißkurs und die entsprechende Stelle, falls ich ihn bestehen würde.

    Genau so kam es später auch.

    Mein Anfang in Deutschland war also alles andere als rosig.

    Aber es gab eine Richtung.

    Und in dieser Richtung lagen Möglichkeiten.

    Ich musste sie nur ergreifen.

    Das habe ich getan.

  • 1962 – Die Ohrfeige auf der Tanzfläche

    Es war ein herrlicher Sonntag, wie man ihn aus italienischen Sommern kennt: Sonne satt, Fußball am Nachmittag, volle Ränge und begeisterte Fans. Das Sahnehäubchen war ein 3:0-Sieg, der unseren Verbleib in der Campionato d’Eccellenza – damals noch Promozione – sicherte.

    Nach dem Abpfiff zog ich noch mit einigen Spielern in unsere Stammbar. Dort trank ich – ganz unitalienisch – keine heiße, sondern ausnahmsweise eine kalte Milch. Gegen 17 Uhr ging ich ins Vereinsbüro, um meine Siegprämie abzuholen. Um halb sechs war ich wieder zu Hause, überreichte meiner Mutter pflichtbewusst die 5.000 Lire und bekam im Gegenzug mein wöchentliches Taschengeld: 1.000 Lire.

    Schon damals staunte ich, mit welcher Eleganz sie mein Geld zu ihren Gunsten umverteilen konnte. Aber gut – Mütter haben bekanntlich ihre eigene Finanzpolitik.

    Da sie sich an diesem Tag nicht besonders wohlfühlte, würde das Abendessen erst gegen 20 Uhr fertig sein. Also beschloss ich, noch kurz auf die Piazza zu gehen. Beim Hinausgehen bat sie mich, ihr eine kleine Packung Aspirin mitzubringen.

    Natürlich sagte ich zu.

    Und ahnte nicht, dass mir genau dieses „natürlich“ später noch um die Ohren fliegen würde.

    Als ich auf der Piazza ankam, war sie erstaunlich leer. Da fiel mir ein, dass in der Siedlung neben meiner alten Volksschule die Bar unserer Nachbarin Antonietta und ihres Bruders Peppe lag. Dort wurde an diesem Abend getanzt.

    Also machte ich mich auf den Weg, um die Lage zu prüfen – rein wissenschaftlich natürlich.

    Was soll ich sagen?

    Meine Freunde waren da.

    Viele Mädchen auch.

    Und damit war jede weitere Vernunft offiziell außer Dienst.

    Es war die Zeit von Brenda Lee, Paul Anka, Connie Francis, Ray Charles, Elvis Presley, Chuck Berry und Bill Haley. Für uns war das nicht nur Musik, sondern ein Lebensgefühl.

    An diesem Abend vergaß ich vor lauter Tanzbegeisterung alles um mich herum. Ich war glücklich, sorgenfrei und überzeugt, dass so ein Abend mit Freunden eigentlich nie enden dürfte.

    Irgendwann war es dunkel geworden, doch ich schwebte immer noch im Tanzhimmel – völlig ohne Zeitgefühl und mit großem Vertrauen darauf, dass sich Probleme vielleicht von selbst erledigen würden.

    Mitten im Gedränge spürte ich plötzlich ein Klopfen auf der Schulter.

    Zuerst dachte ich an ein Versehen.

    Doch ein zweites, deutlich energischeres Klopfen holte mich schlagartig zurück in die Wirklichkeit.

    Ich drehte mich um.

    Und im selben Augenblick landete eine saftige Ohrfeige.

    Vor mir stand meine Mutter.

    1,50 Meter konzentrierte Entschlossenheit.

    Ich war damals schon 1,72 Meter groß, also musste sie für diesen Treffer vermutlich mehr Einsatz zeigen als ich auf dem Fußballplatz.

    Wütend fragte sie:

    „Weißt du, wie spät es ist?“

    Und natürlich wusste ich in diesem Moment vor allem eines:

    Sie hatte recht.

    Ich hatte weder das Aspirin besorgt noch war ich pünktlich zum Abendessen erschienen.

    Mir blieb also nichts anderes übrig, als mich kurz zu meiner Tanzpartnerin umzudrehen und höflich zu sagen:

    „Warte bitte einen Moment, ich komme gleich zurück.“

    Ein Satz, dessen optimistische Kühnheit mich im Rückblick selbst beeindruckt.

    Der Heimweg bestand dann allerdings weniger aus Romantik als aus einer lückenlosen Schimpftirade.

    Und das Mädchen von der Tanzfläche habe ich nie wiedergesehen.

    Ich hoffe nur, dass sie dort nicht bis heute auf meine Rückkehr wartet.

    Ob diese öffentliche Ohrfeige unser Verhältnis verbessert hat, darf bezweifelt werden. Trotzdem war ich meiner Mutter deswegen nie böse oder nachtragend.

    Manchmal hätte ich mir nur gewünscht, dass sie im Umgang mit mir etwas milder gewesen wäre.“

    Ob ihr das später gelungen ist, vermag ich heute nicht zu sagen.

    Aber die Ohrfeige auf der Tanzfläche habe ich jedenfalls nie vergessen