San Severino Marche und sein kulturelles Erbe
Nicht nur, weil ich dort geboren wurde, fällt es mir schwer, San Severino Marche zu beschreiben. Ich möchte beim Leser weder den Eindruck eines übertriebenen Lokalpatriotismus erwecken noch meine erlebten Schwierigkeiten in den Vordergrund stellen.
Heute erscheint mir dieser Ort wie ein Schatzkästchen, das seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden Geschichte, Kultur und Spiritualität in sich bewahrt.
Manchmal müssen wir uns von Orten entfernen, die in uns negative Erinnerungen hinterlassen haben. Doch mit der Entfernung und der Zeit entsteht auch Sehnsucht nach diesen Orten, mit denen wir viele positive Erinnerungen verbinden, die unser Herz berühren und unsere Seele trösten. Dann betrachten wir alles aus einem anderen Blickwinkel.
Wie bereits gesagt, war mein gefühlsmäßiges Verhältnis zu meinem Geburtsort nicht immer von positiven Erinnerungen geprägt. Damals schrieb ich diese dem ganzen Ort zu, obwohl ich sie eigentlich anderen Umständen hätte zuschreiben müssen. Mein Blick war dadurch getrübt und voller Wut, und ich nahm nicht wahr, was um mich herum geschah.
Mit der Zeit, dem Leben im Ausland, der Anpassung an andere Kulturen und Lebensgewohnheiten und der Entfernung, die schließlich von Heimweh überlagert wurde, hatte ich Gelegenheit, darüber nachzudenken, warum und wie ich in diese Lage geraten war.
Mir fehlten diese kulturellen und geistigen Werte und jene Orte, mit denen ich trotz allem verbunden war. Dazu gehörte der Glockenturm am Castello: Wenn ich auf dem Schulweg noch auf der Piazza herumtrödelte und er acht Uhr schlug, musste ich die Beine in die Hand nehmen und die Schule erreichen, bevor der Hausmeister das Tor schloss. Sonst galt ich als unentschuldigt abwesend.
San Severino Kirchen
Da ist das antike Septempeda, dessen archäologische Überreste von den römischen Ursprüngen San Severinos erzählen. Da sind der Duomo Vecchio am Castello, die alten Klosteranlagen von Santa Caterina und Santa Chiara, San Lorenzo in Doliolo mit seiner außergewöhnlichen Krypta und San Pacifico auf der gegenüberliegenden Anhöhe.
Mit San Pacifico verbindet mich eine meiner Kindheitserinnerungen: Am Heiligabend fuhren wir mit dem Bus von der Piazza del Popolo zur Mitternachtsmesse. Anschließend spielten wir beinahe bis zum Morgengrauen Tombola.
Und dann ist da der Duomo di Sant’Agostino. Für viele ist er ein bedeutendes Gotteshaus; für mich ist er auch die Kirche, in der ich getauft wurde. Ich weiß nicht, ob das damalige Taufregister noch existiert, doch die Pfarrei wird sicherlich über entsprechende Aufzeichnungen verfügen. Das Merkwürdigste daran ist, dass ich dort als Gianfranco Scalera eingetragen wurde, während mein richtiger Name Franco Pioli lautet, wie es im Melderegister von San Severino vermerkt ist.
Zur Geschichte der Stadt gehören außerdem San Giuseppe an der Piazza del Popolo und La Misericordia beim Uhrturm. Manche dieser historischen Gebäude haben im Laufe der Zeit neue Aufgaben übernommen und verbinden heute Vergangenheit und kulturelles Leben miteinander.
Die dörfliche Lebensart, die Freunde, der Sport und die Tanzlokale – von Antonietta und Peppe bis zu dem Saal über der Markthalle, in dem die Musikkapelle von San Severino probte – ließen mich erkennen, dass San Severino letztlich nichts mit meinen schlechten Erinnerungen zu tun hatte. Das weckte in mir Gefühle, die ich vorher nicht kannte oder vielleicht nicht wahrhaben wollte.
Das Teatro Feronia – damals ein Ort der Bestrafung
Ich war noch keine elf Jahre alt und wusste nichts von Architekturgeschichte oder Kulturerbe. Für mich war das Feronia kein Denkmal, sondern ein Ort, an dem ich nach der Schule meiner Mutter bei der Reinigung helfen musste.
Wegen der schwierigen finanziellen Lage unserer Familie hatte meine Mutter neben der Verteilung von Paketen und anderen kleinen Verdienstmöglichkeiten auch die Reinigung des Teatro Feronia übernommen. Deshalb musste ich ihr jeden Tag nach der Schule helfen.
Die Vorstellungen begannen um 19 Uhr, und vorher musste alles fertig sein. Manchmal musste ich allein das ganze Theater reinigen, das Parkett und die Logen. Für mich war das keine Hilfe, sondern eine Strafe, denn ich hatte eine Schwester, einen Bruder und außerdem den Mann meiner Mutter. Er kümmerte sich im Winter darum, den Heizkessel anzufeuern, damit das Theater warm wurde – eine Aufgabe, die gelegentlich ebenfalls mir zufiel.
Für mich war das eine Bestrafung, deren Grund ich nicht verstand.
Erst vor Kurzem erfuhr ich, dass das Teatro Feronia zusammen mit anderen historischen Theatern italienischer Bauart in Mittelitalien in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen wurde.
Aber glaubt ihr, mein Urteil wäre damals anders ausgefallen, wenn ich das gewusst hätte? Ich glaube nicht, denn ich war gerade einmal elf Jahre alt und mir wurde das Recht zu spielen genommen.
Zwei Eimer Wasser
Ehrlich gesagt war mein Alltag, aus der Sicht eines Elfjährigen, alles andere als einfach.
In unserem Haus in der Via San Biagio 45, meinem Geburtshaus, gab es kein Wasser. Wir mussten es von der Fonte dell’Isola holen, die etwa 100 bis 120 Meter vom Haus entfernt lag. Der Weg dorthin führte über eine ansteigende Straße mit ungefähr zehn bis fünfzehn Prozent Steigung.
Jedes Mal, wenn zu Hause das Wasser ausging, musste ich es holen. Meine Mutter gab mir zwei Zehn-Liter-Eimer und ließ mich alle vorhandenen Gefäße füllen – die Conca, Krüge, Töpfe, Flaschen und so weiter. So musste ich ungefähr fünfzehnmal auf und ab gehen. Als ich mit der Zeit schneller fertig wurde, leerte sie einfach das eine oder andere Gefäß aus und ließ es mich erneut füllen.
Ich erzähle das nicht, weil ich bemitleidet werden möchte – Gott bewahre. Dieses Kapitel ist schon lange abgeschlossen. Aber wie mein Großvater sagte: Das Leben trägt man mit Würde, und jede Erfahrung lehrt uns zu leben.
Auch diese Erfahrungen gehören zu meinem San Severino, ebenso wie die Kirchen, die Kunstwerke und die historischen Gebäude.
Heute sehe ich vieles anders als damals.
Als Kind ging ich durch diese Stadt, ohne zu wissen, wie viel Geschichte mich umgab. Ich reinigte ein Theater, trug Wasser durch alte Straßen und besuchte Kirchen und Plätze, ohne mich zu fragen, welchen kulturellen Wert sie eines Tages in meinen Augen bekommen würden.
Erst viel später begann ich zu verstehen, in welchem Schatzkästchen ich geboren worden war.
Vielleicht gehört es zum Älterwerden, dass man erst nach vielen Jahren den Wert dessen entdeckt, was man früher erlebt und jeden Tag vor Augen gehabt und für ganz selbstverständlich gehalten hat.
Die Erfahrung formt dein Leben und nicht umgekehrt.

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