Kategorie: Heitere Erinnerungen

  • 🕺1962 – Allach, ein Maitanz und eine Walküre

    Mein Anfang in Deutschland war, sagen wir es freundlich, kein Triumphzug. Eher das Gegenteil. Aber entmutigen ließ ich mich dadurch nicht. Dazu war ich viel zu neugierig – und, wenn ich ehrlich bin, auch ein bisschen zu stur.

    Obwohl Rathgeber in Moosach über ein Barackenlager aus Holz verfügte, wurden wir nach Allach gebracht. Dort bezogen wir ein großes Zimmer mit fünf Stockbetten, die selbstverständlich bis auf den letzten Platz belegt wurden. Im Grunde war es wieder ein Dormitorium, nur etwas kleiner als das Auswanderungszentrum in Verona. Aber was soll’s – wir hatten ein Bett, ein Dach über dem Kopf und damit schon fast Luxus.

    Kaum hatte ich mich einigermaßen akklimatisiert, trieb mich meine Neugier hinaus. Und tatsächlich hatte ich Glück. Ich traf Nino, den ich aus dem Kinderheim in Ancona kannte. Er lebte bereits seit zwei Jahren in Deutschland und wohnte zusammen mit seinem Bruder privat. Ihre Wohnung war im Grunde eine umgebaute Garage – aber erstaunlich gemütlich. Das muss man auch erst einmal schaffen.

    Nino zeigte mir ein wenig Allach, erklärte mir geduldig die ersten Besonderheiten des deutschen Lebens und ging anschließend mit mir in ein Lokal auf eine Cola. Damit hatte ich bereits die ersten Anhaltspunkte, wie man sich auch ohne Sprachkenntnisse halbwegs anständig durchs Leben bewegen konnte. Gegen neun Uhr verabschiedeten wir uns und versprachen, uns bald wiederzusehen.

    Zurück im Lager erzählte ich meinen Zimmergenossen von meiner kleinen Entdeckungsreise und legte mich schlafen. Am nächsten Morgen musste ich nicht arbeiten – in Bayern war Feiertag. Mein erster Feiertag in Deutschland, und ich hatte noch nicht einmal richtig verstanden, wie man hier überhaupt lebte. Das fing vielversprechend an.

    Natürlich hielt es mich nicht lange im Lager. Erneut zog ich los, um Allach zu erkunden. Die Gegend gefiel mir ausgesprochen gut. Ein kleiner Bach, viel Wald und grüne Wiesen – so etwas war ich aus meiner Heimat nicht gewohnt.

    Vor einem Gasthaus entdeckte ich einen Aushang für einen „Maitanz“. Was „Mai“ bedeutete, wusste ich damals noch nicht so genau, aber das Wort „Tanz“ sprang mir förmlich entgegen. Sofort gingen bei mir alle Alarmglocken an – allerdings nicht aus Sorge, sondern aus Vorfreude. Mühsam entzifferte ich noch die Uhrzeit: von 17 bis 24 Uhr.

    Damit war die Sache entschieden.

    Mittags ging ich in das Lokal, in dem ich am Abend zuvor mit Nino gewesen war, und bestellte einen Teller Spaghetti. Sie schmeckten hervorragend und stärkten zusätzlich meinen Entschluss. Anschließend kehrte ich ins Lager zurück, ruhte mich etwas aus und verkündete meinen Zimmergenossen ganz nebenbei, dass ich am Abend zum Tanzen gehen würde.

    Das Gelächter war gewaltig.

    „Du kannst kein Wort Deutsch und willst tanzen gehen?“

    Ihre Blicke sagten deutlich:

    „Der Italiener hat nicht alle Tassen im Schrank.“

    Aber das hielt mich natürlich nicht auf.

    Punkt sechzehn Uhr holte ich meinen besten Anzug aus dem Koffer, zog ihn an und marschierte los. Das Lokal hieß „Zum Grünen Hahn“, und pünktlich um siebzehn Uhr begann ein Quartett live zu spielen.

    Zunächst beobachtete ich das Geschehen aufmerksam. Ich wollte schließlich herausfinden, wie man in Deutschland überhaupt ein Mädchen zum Tanzen aufforderte. Es wurden immer drei Musikstücke gespielt, dann ging der Herr zur Dame, bat sie höflich zum Tanz, und alles wirkte erstaunlich geordnet. Fast wie ein militärisches Manöver.

    Also beschloss ich, noch ein paar Runden abzuwarten und dann beherzt ins Geschehen einzugreifen.

    Ein Mädchen hatte ich bereits ins Auge gefasst. Sie saß die ganze Zeit an ihrem Tisch und wurde von niemandem aufgefordert.

    Während der Pause warf ich ihr einige Blicke zu. Sie erwiderte sie. Das genügte mir als internationales Verständigungssystem.

    Als die Musik wieder begann, ging ich zu ihr und versuchte mit Händen, Füßen und italienischem Charme zu erklären, dass ich gerne mit ihr tanzen würde.

    Sie verstand mich offenbar – oder sie war einfach mutig.

    Jedenfalls stand sie auf.

    Und während sie aufstand, wuchs sie.

    Sie wurde immer größer.

    Ich schätze, sie war fast zwei Meter groß, also mindestens einen Kopf größer als ich.

    Kurz gesagt: Neben ihr wirkte ich wie ihr kleiner Bruder auf Wandertag.

    Während wir tanzten, sprach sie ununterbrochen auf mich ein. Was sie sagte, weiß ich bis heute nicht. Mein deutscher Wortschatz bestand damals im Wesentlichen aus „Ja“ und „Nein“. Also antwortete ich je nach Gesichtsausdruck und hoffte auf das Beste.

    Erstaunlicherweise funktionierte diese Methode ausgezeichnet.

    Wir tanzten mehrmals miteinander, und ich empfand dieses Erlebnis als unglaublich befreiend. Bis heute sehe ich diese Szene vor mir:

    Ein kleiner Italiener fordert eine germanische Walküre zum Tanz auf – und beide haben einen Riesenspaß.

    In diesem Augenblick wusste ich:

    Ich war angekommen.

    Das Eis war gebrochen.

    Beruflich war noch längst nicht alles in Ordnung, aber menschlich hatte ich den richtigen Weg eingeschlagen.

    Denn die Gewohnheiten und Bräuche eines fremden Landes lernt man nicht aus Büchern kennen. Man muss sich hineinwagen – auch auf die Gefahr hin, sich dabei gelegentlich ein wenig lächerlich zu machen.

    Ich war zufrieden mit mir.

    Und das Erstaunlichste daran?

    Es war gerade einmal mein erster Feiertag in Deutschland.Mein erster Feiertag in Deutschland

  • 🎭1962 – Mein letzter Fasching in San Severino

    Oder: Wie das Schnarch Konzert meiner Mutter über mein Nachtleben entschied

    Nach der Riesenpleite im Sommer und der legendären Ohrfeige meiner Mutter mitten auf der Tanzfläche war ich vorsichtiger geworden. Ich versuchte, sie nicht noch einmal zur Weißglut zu treiben, denn bis dahin hatte ich bereits genug öffentliche Demütigungen erlebt. Deshalb verlagerte ich meine Bekanntschaften lieber außerhalb von San Severino. Meiner Mutter traute ich inzwischen alles zu.

    Bevor ich nach Deutschland auswanderte, besuchte ich bei der ENI in Matelica einen Lehrgang zum Elektroschweißer. Ziel war es, anschließend für ENI-Saipem in Gela auf Sizilien zu arbeiten. Drei Monate lang pendelte ich täglich zwischen San Severino und Matelica hin und her. Was ich verdiente, lieferte ich pflichtbewusst zu Hause ab.

    In dieser Zeit lernte ich ein Mädchen aus der Gegend von Castelraimondo kennen. Auch sie fuhr jeden Tag nach Matelica zur Arbeit. Offenbar blieb das meiner Mutter nicht verborgen, oder irgendjemand fühlte sich berufen, ihr Bericht zu erstatten. Dazu kam, dass ich samstags und sonntags nur noch selten zu Hause war und meist lediglich zum Schlafen erschien.

    Das missfiel meiner Mutter gewaltig.

    Eines Tages tauchte sie plötzlich im Zug auf, während wir beide friedlich wie zwei Turteltauben zusammensaßen. Was dann geschah, ließ die Ohrfeige auf der Tanzfläche im Nachhinein fast harmlos erscheinen. Sie beschimpfte das Mädchen lautstark und beleidigte sie auf eine Weise, die mir heute noch leidtut. Auch ich verlor die Beherrschung und warf meiner Mutter Dinge an den Kopf, die ich besser nie gesagt hätte.

    Später tat mir mein Ausbruch leid. Aber ich konnte diesen Übergriff nicht einfach hinnehmen. Ich erklärte ihr, dass ich sofort von zu Hause ausziehen würde, wenn sie nicht aufhörte. Das wirkte. Die ganze Szene war mir ohnehin peinlich genug, zumal viele Mitreisende uns kannten.

    Aus diesen Vorfällen hatte ich gelernt.

    Von da an sorgte ich dafür, dass in San Severino möglichst wenig von meinem Tun bekannt wurde.

    So musste ich während der Faschingszeit wieder einmal in meine Trickkiste greifen.

    Nach jedem Heimspiel am Sonntag hatte ich nämlich nur ein Ziel: tanzen gehen.

    Unser Haus lag im Centro Storico von San Severino und besaß zwei Eingänge – den Haupteingang und einen Zugang über den Keller. Ich wusste genau, dass meine Mutter und ihr Mann sonntagabends gegen halb acht ins Bett gingen. Ihr Mann zuerst, sie etwa zehn Minuten später. Bevor sie schlafen ging, kontrollierte sie wie immer, ob alle Türen geschlossen waren. Dabei musste sie durch mein Zimmer gehen und warf jedes Mal einen Blick auf mein Bett.

    Fünf Minuten später ging das Licht aus.

    Ich legte mich, auch wenn es aus hygienischer Sicht höchst fragwürdig war, bereits vollständig angezogen ins Bett. Dann wartete ich auf das vertraute Schnarchkonzert meiner Mutter.

    Das war mein Startsignal.

    Ich stand auf, nahm meine Schuhe in die Hand, schlich in den Keller hinunter, öffnete vorsichtig die Tür, zog sie von außen lautlos wieder zu – und war verschwunden.

    Fast den gesamten Fasching über funktionierte dieses System tadellos.

    Doch dann kam der letzte Sonntag vor Faschingsdienstag.

    Wie immer wartete ich auf das Schnarch Konzert und fuhr anschließend zum Tanz nach Taccoli, einer kleinen Fraktion etwa acht Kilometer entfernt. Ich wusste, dass ich spätestens um drei Uhr morgens mit dem Bus zurückfahren und gegen zwanzig nach drei wieder ordnungsgemäß im Bett liegen würde.

    Doch diesmal spielte das Schicksal nicht mit.

    Der Sammelbus hatte fast fünfundvierzig Minuten Verspätung. Per Anhalter versuchte ich ebenfalls mein Glück – vergeblich.

    So kam ich erst gegen vier Uhr morgens nach San Severino zurück.

    Und genau das war mein Pech.

    Der Mann meiner Mutter arbeitete inzwischen bei der Gemeinde und begann seinen Dienst bereits um vier Uhr früh.

    Kaum bog ich in die Via San Biagio ein, sah ich Licht im Haus brennen.

    Es waren vermutlich die längsten hundert Meter meines Lebens.

    Oben an der Treppe stand eine kleine Gestalt mit in die Hüften gestemmten Armen.

    Allein dieser Anblick verhieß nichts Gutes.

    Doch noch bevor sie den Mund öffnen konnte, sagte ich ziemlich gereizt:

    „Lass mich bitte in Ruhe. Ich bin müde und gehe jetzt schlafen!“

    Dann marschierte ich wortlos an ihr vorbei und legte mich ins Bett.

    Danach herrschte im Haus vierzig Tage lang absolutes Schweigen.

    Erst meine Zia Teresa schaffte es wieder einmal, Frieden zu stiften. Ab Ostern war das „Schweigen der Lämmer“ beendet.

    Es sollte der letzte große Streit mit meiner Mutter bleiben.

    Denn nur fünf Wochen später wanderte ich nach Deutschland aus.

    Und damit endete nicht nur mein letzter Fasching in San Severino.

    Es endete auch ein Kapitel meines Lebens.

  • 🚓1964 – Im Fadenkreuz der Carabinieri

    Ein Urlaub, eine Sonnenbrille und zwei italienische Amtshandlungen

    Unser Urlaub im Vorjahr war uns in so schöner Erinnerung geblieben, dass wir bald wieder Pläne schmiedeten. Nachdem Christine und ich in das kleine Apartment in Brezen gezogen waren, fassten wir allmählich Fuß in Erding. An den Wochenenden waren wir meistens unterwegs – tanzen, essen, kleine Ausflüge machen. Nur wenn mein Sohn bei mir zu Besuch war, gehörte die Zeit ganz ihm.

    Irgendwann stand fest: Der nächste Urlaub sollte uns wieder in die Marche führen.

    Zuvor kauften wir uns ein neues, etwas größeres Auto: einen Ford 16 M. Der alte Simca hatte endgültig den Geist aufgegeben. Viele Bekannte verstanden die Welt nicht mehr: „Wie, du arbeitest bei BMW und fährst Ford?“

    Tja – manchmal entscheidet nicht die Firmenzugehörigkeit, sondern der Geldbeutel. Und der war damals alles andere als prall gefüllt. Ich hatte alle Schulden übernommen, die während meiner Ehe entstanden waren, damit meine Ex-Frau, mein Sohn und ihre Tochter finanziell eine bessere Zukunft hatten.

    Das Verhältnis zwischen meiner Ex-Frau und mir schien sich langsam zu normalisieren. Es ging sogar so weit, dass wir vereinbarten, beide Kinder gemeinsam mit Christine in den Urlaub nach Italien mitzunehmen.

    Wie es sich für einen Italiener offenbar gehörte, fuhren wir wieder im August nach San Severino Marche und blieben drei Wochen. Fast täglich ging es von meiner Heimatstadt nach Porto Recanati. Dort hatte ich bei einer Bar einen Sonnenschirm und zwei Liegen für unseren Aufenthalt gemietet – unser kleines Strandquartier mit Meerblick und Urlaubsgefühl.

    Morgens fuhren wir meist gegen halb acht los und kamen abends gegen halb acht zurück. Die Tage verliefen harmonisch, ruhig und beinahe unwirklich schön. Fast zu schön, um wahr zu sein.

    Aber wir hatten die Rechnung ohne die italienische Sonne gemacht.

    Am vorletzten Urlaubstag schlief Christine am Strand ein – ausgerechnet mit dem Gesicht zur Sonne. Zunächst sah es nur nach einem leichten Sonnenbrand aus, denn sie hatte sich täglich sorgfältig eingecremt. Doch bald begannen ihre Augen stark zu schmerzen.

    Also fuhren wir sofort nach San Severino, um in der Apotheke etwas zu bekommen, das die Beschwerden lindern könnte. Leider Fehlanzeige. Der Apotheker riet uns, die Notaufnahme des Krankenhauses aufzusuchen. Ich brachte zuerst die Kinder nach Hause, dann fuhr ich mit Christine dorthin. Inzwischen konnte sie die Augen kaum noch öffnen, und die Schmerzen wurden immer schlimmer.

    Man erklärte mir, dieses Augenproblem sei vergleichbar damit, als würde man eine halbe Stunde lang direkt in die Flamme eines Elektroschweißgeräts schauen. Davon konnte ich leider ein Lied singen, denn während meiner Arbeit als Elektroschweißer war mir das selbst ein paarmal passiert. Es fühlt sich an, als hätte man Sand in den Augen, dazu ein Brennen, das bis in den Kopf zieht. Die Lider lassen sich kaum öffnen, als wären sie verleimt. So etwas wünscht man nicht einmal seinem schlimmsten Feind.

    Der diensthabende Arzt teilte mir mit, Christine müsse zur Kontrolle im Krankenhaus bleiben. Man werde sich gut um sie kümmern, ich solle mir keine allzu großen Sorgen machen und am nächsten Morgen wiederkommen.

    Ich erklärte Christine die Situation, bat sie, sich auszuruhen, und versicherte ihr, dass sie in guten Händen sei. Dann ging ich zurück zu den Kindern – mit einem Knoten im Bauch, den ich mir nicht anmerken lassen wollte.

    Am nächsten Morgen fuhr ich sofort ins Krankenhaus. Dort erschrak ich gleich aus zwei Gründen: Christine konnte die Augen immer noch nicht öffnen – und sie war auf die Entbindungsstation verlegt worden.

    Als ich zu ihr kam, schilderte sie mir völlig verwirrt die Lage. Sie konnte sich nicht erklären, warum um sie herum ständig Frauen stöhnten, als stünde die Geburt unmittelbar bevor. Mit einem kleinen Schmunzeln auf den Lippen erklärte ich ihr, wo sie gelandet war.

    Da musste sogar sie lachen – blind vor Schmerz, aber nicht ohne Humor.

    Ich wartete die Visite ab, um Genaueres zu erfahren. Der Arzt erklärte mir, Christine habe eine schwere Photokeratitis, also einen Sonnenbrand auf beiden Augen, verursacht durch übermäßige UV-Strahlung. Solange sie die Augen nicht öffnen könne, werde sie nicht entlassen, da ernsthafte Folgen möglich seien.

    Das sagte ich Christine natürlich nicht in aller Deutlichkeit. Ich erklärte ihr nur, dass sie noch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben müsse. Damit verlängerte sich unser Urlaub unfreiwillig – und in meinem Kopf begann sofort die Urlaubskasse leise zu weinen.

    Am fünften Tag wurde Christine entlassen. Vorerst musste sie eine Sonnenbrille tragen, um ihre Augen zu schonen. Ich fuhr mit ihr nach Hause, brachte sie in mein abgedunkeltes Zimmer, und wir sprachen über unsere finanzielle Lage.

    Schließlich beschlossen wir, bei Einbruch der Dunkelheit nach München zurückzufahren.

    Um die Kasse zu schonen, entschied ich mich für die Statale Adriatica. Die Strecke war zwar langsamer, aber wir konnten Benzin sparen und vor allem die Autobahngebühren umgehen. In unserer Lage zählte jede Lire – und manchmal fühlt sich Sparen fast so heldenhaft an wie ein Abenteuer.

    Als wir bei Rimini einfuhren, waren wir mit ungefähr 100 km/h unterwegs. Rechts hatten die Carabinieri eine Verkehrskontrolle aufgebaut. Einer der Beamten stand am Straßenrand und gab mir mit seiner Kelle ein Zeichen, die Geschwindigkeit zu reduzieren.

    Genau das tat ich – und fuhr weiter.

    Im Rückspiegel sah ich, wie er zu seinem Dienstwagen ging. Ich dachte mir nichts dabei, denn dort stand nur ein kleiner Fiat 600. Falsch gedacht. Daneben lauerte ein Alfa Giulietta. Plötzlich gingen die Lichter an, und die Verfolgung begann.

    Nach etwa zwei Kilometern hielt ich an. Einer der Carabinieri kam zu unserem Wagen. Ich kurbelte das Fenster herunter und fragte, was los sei. In ziemlich strengem Ton forderte er mich auf, auszusteigen, die Papiere und den Reisepass vorzuzeigen. Dann fügte er hinzu, ich solle froh sein, dass er mich nicht mit einer Maschinenpistole zum Anhalten gebracht habe.

    Ich bat ihn ruhig, mit mir nach hinten zu gehen, zeigte auf das D-Schild am Auto und fragte: „Kennen Sie dieses Zeichen?“

    Als er nickte, sagte ich freundlich, aber bestimmt: „Dann noch so ein Satz von Ihnen, und Sie werden Ihren Rang bald verlieren.“

    Danach entspann sich eine kleine Diskussion über die Kelle. Ich machte ihm klar, dass sein Zeichen nicht bedeutet hatte: „Anhalten!“, sondern lediglich: „Langsamer fahren!“ Und genau das hatte ich getan.

    Nach einigem Hin und Her durfte ich weiterfahren. Ich bedankte mich höflich, fügte aber mit einem Schmunzeln hinzu: „Ohne meine Papiere bewege ich mich keinen Millimeter.“

    Er verstand den Scherz, gab mir die Dokumente zurück, und wir setzten unsere Fahrt fort.

    Gegen sechs Uhr morgens näherten wir uns Verona. Ich war die ganze Nacht gefahren, und Christine bot mir an, das Steuer zu übernehmen. Ich nahm dankbar an. Durch den Umweg hatten wir immerhin rund 10.000 Lire an Autobahngebühren gespart. Deshalb beschloss ich, bei Verona doch auf die Autobahn zu fahren.

    Ein schöner Plan – und wie so oft blieb er genau das: ein Plan.

    Kurz vor Verona erlaubte sich Christine, in einem Überholverbot ein Auto vor uns zu überholen. Man kann sich denken, was passierte: Die Carabinieri hielten uns an, und wir mussten 5.000 Lire Strafe bezahlen.

    Damit war die Autobahn wieder gestrichen.

    Also weiter auf der Landstraße – mit gespartem Geld, angekratzter Laune und einer Geschichte mehr im Gepäck.

    Christines Genesung dauerte noch ein paar Tage, doch zum Glück blieben keine Schäden zurück. Die Photokeratitis wurde für uns zu einer Lektion, die wir nie vergaßen: Die Sonne meint es in Italien zwar gut – manchmal aber eindeutig zu gut.

    Seitdem hatten Sonnenbrillen, Schatten und gesunder Respekt vor UV-Strahlung bei uns einen ganz neuen Stellenwert. Und ich lernte wieder einmal: In Italien kann ein Urlaub friedlich beginnen, medizinisch weitergehen und am Ende trotzdem im Fadenkreuz der Carabinieri landen.

  • 1989 – Das Surren der Fliegen – Karfreitag im Dom der Maschinen

    Der gefundene Osterknopf

    Es gibt Tage im Berufsleben, die verschwinden spurlos im grauen Einerlei von Dienstplänen und Schichtübergaben. Und dann gibt es jene Tage, die sich unauslöschlich einprägen – nicht, weil man sie sich ausgesucht hätte, sondern weil ein einziges Geräusch, eine kleine Unachtsamkeit oder ein falscher Schritt genügt, um sie für immer im Gedächtnis zu verankern. Dieser Karfreitag gehörte eindeutig zur zweiten Sorte.

    Unsere Nachtschicht war damals längst eingespielt wie ein Uhrwerk, das nur gelegentlich aufgezogen werden musste. Zu Beginn der Schicht betrug die eigentliche Arbeitszeit meist vier bis fünf Stunden, doch nicht selten reichte sie bis tief in den Samstag oder sogar in Feiertage hinein. In der Jobvorbereitungsgruppe hatten wir deshalb eine einfache und vernünftige Regel eingeführt: An solchen Tagen löste die Frühschicht die Kollegen der Nacht spätestens um 8:00 Uhr ab. Das System funktionierte erstaunlich gut.

    Es war Ostern 1989. In der Karwoche hatte ich Frühschicht und löste am Karfreitag um 6:00 Uhr Hans ab, meinen Trauzeugen. Schon bei der Übergabe sah man ihm die anstrengende Nacht an. Mehrere Datenbanken waren beschädigt worden und mussten dringend repariert werden. Den verbliebenen Rest dieser Arbeit übernahm ich und brachte ihn schließlich zu Ende.

    Zum Glück musste an gesamtdeutschen Feiertagen die Online-Verfügbarkeit nicht bereits um Punkt sechs Uhr gewährleistet sein. Die gesamte Verwaltung – Autoauslieferung, Buchhaltung, Ersatzteilwesen, Export, Fertigerzeugnisse, Kfz-Briefe, Materialwirtschaft, Ordering, Technischer Informationsdienst und viele weitere Bereiche – musste erst gegen 11:30 Uhr vollständig onlinefähig sein. Im Ernstfall hätten wir selbstverständlich Prioritäten setzen können. Doch es war Karfreitag. Und an Karfreitagen scheint selbst ein Rechenzentrum einen Gang herunterzuschalten.

    Nachdem die Datenbanken wiederhergestellt waren, kehrte allmählich Ruhe ein. Die Maschinen arbeiteten wieder im gewohnten Rhythmus, als wäre nie etwas geschehen. Und wir gönnten uns sogar eine wohlverdiente Mittagspause. Wer mit Großrechnern gearbeitet hat, weiß: Eine ruhige Mittagspause nach einer solchen Nacht ist kein Luxus, sondern beinahe ein Geschenk des Himmels.

    Gegen 14:00 Uhr verabschiedete sich die Frühschicht aus dem Maschinensaal, den wir ehrfürchtig und gleichzeitig mit einem Augenzwinkern „den Dom“ nannten. Dort residierten Max, Moritz und die Witwe Bolte – drei IBM-360/85-Anlagen mit ihren Platteneinheiten, dem sogenannten „Kaninchenstall“, dazu sechsunddreißig oder vierzig Bandeinheiten, Lochkartenleser, mehrere Drucker und allerlei Peripheriegeräte. Es war ein eigenes Universum aus Metall, Kabeln, Wärme, Lichtsignalen und ständigem Rauschen. Hackerangriffe, wie sie die spätere IT-Welt kennenlernen sollte, existierten damals noch nicht. Damals konnte man den größten Schaden noch mit dem eigenen Fuß anrichten.

    Gegen 15:30 Uhr vervollständigte ich das Schichtprotokoll und machte meine Kontrollrunde. Ich überprüfte, ob noch etwas offen war und ob alle Projekte ihre finale Sicherung für den nächsten Online-Start erhalten hatten. Anschließend ging ich zu den Druckern und unterhielt mich mit dem Operator.

    Während unseres Gesprächs bewegte ich mich rückwärts in Richtung Ausgang – eine jener unbedachten Kleinigkeiten, die sich im Nachhinein als Auftakt zu einem Drama entpuppen. Ich übersah eine leicht verschobene Doppelbodenplatte, verlor das Gleichgewicht, riss instinktiv die Arme hoch und fiel rücklings zu Boden.

    Und weil das Leben gelegentlich einen ausgesprochen schwarzen Humor besitzt, traf ich beim Fallen ausgerechnet den roten Hauptschalter.

    Der Dom verstummte.

    Von einer Sekunde auf die andere war das vertraute Rauschen verschwunden. Kein Summen, kein Klackern, kein rhythmisches Arbeiten der Geräte. Nur Stille. Eine solche Stille, dass man tatsächlich das Surren einer einzigen Fliege hätte hören können.

    Der Operator, der alles beobachtet hatte, eilte sofort zu mir. Wahrscheinlich sah ich in diesem Augenblick nicht nur erschrocken, sondern bereits kreidebleich aus.

    „Alles in Ordnung?“

    Ich brachte lediglich ein leises, stotterndes „Ja, ja …“ hervor.

    Der IBM-Bereitschaftsdienst wurde verständigt, ebenso der Leiter des Rechenzentrums. Zum Glück hielt sich der Schaden in Grenzen. Lediglich eine 3380-Platte hatte ihren Geist aufgegeben und konnte dank der zuvor angefertigten Sicherungen wiederhergestellt werden.

    Gegen 18:00 Uhr war der Spuk vorbei. Der Dom atmete wieder. Die Technik lief, und ich konnte mit einem etwas flauen Magen nach Hause fahren.

    Am Osterdienstag folgte der unvermeidliche Rapport beim Stellvertreter des Bereichsleiters, einem ehemaligen Bundeswehroffizier. Zunächst verlief das Gespräch ruhig und sachlich. Dann stellte er die Frage, die offenbar schon die ganze Zeit im Raum gestanden hatte:

    „Herr Pioli, hatten Sie am Freitag etwas getrunken?“

    Da fuhr ich, zugegeben, ein wenig aus der Haut.

    „Erstens: Glauben Sie wirklich, dass ich es Ihnen jetzt sagen würde, wenn ich etwas getrunken hätte? Und zweitens: Dass ich mich an diesem Schaltpult wegen einer schlecht sitzenden Doppelbodenplatte verletzt habe, kommt Ihnen überhaupt nicht in den Sinn?“

    Nun geriet er seinerseits ins Stottern.

    „Nein, nein, Herr Pioli, so war das nicht gemeint …“

    Damit war die Angelegenheit beendet. Ich kehrte an meinen Arbeitsplatz zurück – aufrechter, als ich am Karfreitag gefallen war.

    Immerhin zog man Konsequenzen aus dem Vorfall. Die Bodenplatte wurde ordentlich justiert, und der rote Hauptschalter erhielt einen stabilen Schutzdeckel, der erst geöffnet werden musste, bevor man den Schalter überhaupt betätigen konnte. Die Anlage war danach besser geschützt – vermutlich auch vor mir.

    Den alten roten Schalter schenkte man mir später als Erinnerung. Heute liegt er oben auf dem Speicher. Ein kleines Stück Rechenzentrumsgeschichte und ein Denkmal meiner unfreiwilligen Großtat.

    Ausgeschaltet wird damit nichts mehr.

    Höchstens gelegentlich die Vorstellung, dass Technik immer nur von innen heraus versagt.

  • 1962 – Als das Schicksal im Gepäckraum mitfuhr

    Die versteckte Frau im Bus

    Manchmal merkt man erst viel später, dass scheinbar kleine Begegnungen das eigene Leben in eine neue Richtung schieben. Damals wusste ich das natürlich nicht. Ich war jung, fremd in Bayern, voller Hoffnung und ebenso voller Fragezeichen. So verging die Zeit, und ich lernte, mich in meiner neuen Welt zurechtzufinden – manchmal mit offenen Augen, manchmal mit offenem Mund.

    Besonders die bayerische Mentalität stellte mich anfangs vor Rätsel. In meinen italienischen Ohren klangen manche Ausdrücke weniger nach Begrüßung als nach einer Kriegserklärung. Doch je länger ich blieb, desto mehr verstand ich: Die Bayern waren den Neapolitanern gar nicht so unähnlich. Außen manchmal rau wie eine alte Brotrinde, innen aber weich, herzlich und voller Humor. Dieser Vergleich begleitet mich bis heute.

    Und der Dialekt? Ach, der Dialekt war ein Kapitel für sich. Ich kam sehr gut damit zurecht – indem ich zunächst überhaupt nichts verstand. Trotzdem gab ich nicht auf. Ich hörte zu, wiederholte tapfer und machte dabei vermutlich Geräusche, die weder dem Italienischen noch dem Bayerischen eindeutig zuzuordnen waren.

    Heute darf ich mit gewissem Stolz sagen: Ich spreche Italienisch, Deutsch, ein bisschen Englisch – und fast fehlerfrei Bayerisch, zumindest nach zwei Gläsern Bier. Mein großer Einstiegssatz war „Oachkatzlschwoaf“, also „Eichhörnchenschwanz“. Wer dieses Wort aussprechen kann, ist in Bayern schon halb eingebürgert. Mein Bayerisch war voller Fehler, aber voller guter Absicht. Und weil gute Absicht manchmal komischer klingt als jeder Witz, brachte ich die Leute oft zum Lachen.

    Aus dem Schunkellied „Auf und nieder, immer wieder“ machte ich einmal: „Auf Martina, immer nieder, hamma’s gestern, machma’s heit, ha?“ Sprachlich war das fragwürdig, stimmungsmäßig aber ein voller Erfolg.

    Im Café Harmony feierte ich meinen 19. Geburtstag. Schon der Name klang nach Musik, Tanz und großen Gefühlen – und tatsächlich wurde dieser Abend wieder einmal zu einem kleinen Schicksalstag. Dort lernte ich Karin kennen. Es wurde eine kurze, aber intensive Beziehung, aus der später ein Kind hervorging.

    Aber der Reihe nach.

    Bis dahin hatte ich noch keine Freundin gehabt, und entsprechend groß war meine Freude, Karin kennenzulernen. Sie gab mir Mut, Leichtigkeit und zusätzliche Motivation, meine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Allerdings gab es da noch eine Macht, gegen die selbst jugendlicher Optimismus nicht immer ankam: ihre Mutter.

    Karins Vater war im Zweiten Weltkrieg gefallen. Ihre Mutter musste arbeiten, um den Lebensunterhalt zu sichern, und war ebenfalls bei Rathgeber im Personalbüro beschäftigt. Ich vermute, sie wünschte sich für ihre Tochter eine verlässliche, überschaubare Zukunft – und nicht ausgerechnet einen jungen italienischen Gastarbeiter, der zwar Herz, Hoffnung und Temperament mitbrachte, aber noch keinen sicheren Platz in dieser Welt hatte.

    Das verletzte und ärgerte mich oft. Vor allem dieses Denken in Schubladen, in die man gesteckt wurde, bevor man überhaupt richtig Guten Tag gesagt hatte. Viele ältere Menschen hatten eine schwere, unsichere Zeit erlebt; ihre Vorsicht war nicht grundlos. Aber manchmal wurde aus Vorsicht Misstrauen, und aus Misstrauen ein Urteil. Alles, was nicht in die vertraute Ordnung passte, wurde erst einmal kritisch beäugt. Wir hingegen waren jung, verliebt, ungeschickt und überzeugt, dass sich mit ein bisschen Mut und einem Lächeln schon alles richten würde. Ganz so einfach war es natürlich nicht.

    Was uns sogenannten „Gastarbeitern“ damals an Vorurteilen begegnete, war nicht immer leicht zu ertragen. Manche Worte waren hart, manche Blicke noch härter. Am Ende blieb oft nur die Wahl: den Koffer packen und zurückgehen oder die Zähne zusammenbeißen und weitergehen. Ich entschied mich für das Weitergehen. Nicht immer elegant, nicht immer ohne Stolpern – aber ich ging weiter. Und ich habe überlebt.

    Dann kam mein erstes einsames Weihnachten in Deutschland.

    Ich gebe es offen zu: Die Sehnsucht nach meinen Großeltern in Rom saß mir im Herzen wie ein kleiner Stein im Schuh – nicht lebensgefährlich, aber bei jedem Schritt spürbar. Am Heiligabend fuhr ich noch nach München, besuchte eine Mitternachtsmesse und verschlief den 25. Dezember beinahe vollständig. Man könnte sagen: Ich feierte Weihnachten im Energiesparmodus.

    Am zweiten Weihnachtsfeiertag kehrte die Freude zurück. Das Café Harmony öffnete wieder seine Türen, die Musik spielte, und plötzlich war die Welt nicht mehr ganz so schwer. Mit Karin verbrachte ich einen wunderschönen Abend. Irgendwann fragte sie mich, ob ich vom 29. Dezember 1962 bis zum 1. Januar 1963 mit nach Südtirol fahren wolle.

    Ich sagte so begeistert zu, als hätte man mir eine Reise ins Paradies angeboten – nur mit Busfahrt und wahrscheinlich weniger Engeln.

    Am Samstagmorgen gegen 7 Uhr starteten wir in München-Moosach. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, waren auch „die drei lustigen Moosacher“ dabei. Schon dieser Name versprach, dass der Silvesterabend nicht in stiller Andacht enden würde. Sie sollten für Stimmung sorgen – und sie taten es mit der Sicherheit von Menschen, die genau wussten, wie man einen Saal zum Schunkeln bringt.

    Die Fahrt führte über die Inntalautobahn bis Innsbruck und dann weiter über die alte Brennerstraße nach Italien. Die Europabrücke war damals noch nicht fertiggestellt; der Weg über die Berge hatte deshalb noch etwas Abenteuerliches, als würde man nicht nur eine Grenze, sondern gleich ein kleines Stück Weltgeschichte überqueren.

    In Matrei bat der Busfahrer alle Reisenden, Pässe oder Kennkarten bereitzuhalten. Da ging plötzlich eine Frau ganz blass nach vorne und gestand, dass sie weder Pass noch Kennkarte bei sich hatte. Für einen Moment wurde es still im Bus. Die Grenze lag vor uns, die Dokumente fehlten, und die Stimmung bekam einen sehr amtlichen Unterton.

    Der Busfahrer aber blieb erstaunlich ruhig. Er sagte ihr, sie solle sich erst einmal beruhigen, man werde schon eine Lösung finden. Und tatsächlich: Etwa einen Kilometer vor dem Brennerpass hielt er auf dem letzten Parkplatz an und bat die Frau, sich im Gepäckraum des Busses zu verstecken. Sobald wir über der Grenze seien, würde er sie wieder herausholen. Zusätzlich gab er ihr noch genaue Anweisungen für den Notfall.

    Das war keine gewöhnliche Reiseleitung mehr – das war Operette mit Zollkontrolle.

    Alles ging gut. Die italienischen Finanzieri und Carabinieri bemerkten nichts, und unsere geheime Mitreisende konnte nach der Grenze wieder ans Tageslicht. Für die Rückfahrt war vorgesehen, dass sie am Aufenthaltsort bei der örtlichen Polizei eine Verlustanzeige wegen ihres Passes erstattete. So konnte sie später ganz offiziell und unbehindert zurückreisen – diesmal hoffentlich auf einem Sitzplatz und nicht zwischen Koffern.

    In Bozen kamen wir an der Seilbahn nach San Genesio, also Jenesien, an und fuhren gruppenweise hinauf. Oben erwartete uns das Hotel Schönblick – ein altes, wunderschönes Holzhotel mit umlaufendem Balkon und einem Blick, der seinen Namen wirklich verdiente: Bozen lag unter uns, dahinter die Dolomiten und die Seiser Alm, als hätte jemand eine Postkarte zum Leben erweckt.

    Nachdem Menschen, Koffer und Instrumente wohlbehalten oben angekommen waren, schafften wir es sogar noch rechtzeitig zum Mittagessen.

    Am Nachmittag fuhren wir mit Pferdeschlitten zu verschiedenen Hütten rund um den Salten, dieser herrlichen Hochebene mit ihren Latschenkiefern und der klaren Winterluft. Überall wurde ein kleiner Umtrunk gereicht, und so kamen wir gegen 16:30 Uhr wohlgelaunt ins Hotel zurück.

    Nur ich hatte plötzlich ein Problem: Beim Bezahlen bemerkte ich, dass mein Geldbeutel fehlte.

    In meiner Erinnerung sah ich ihn noch ganz deutlich beim letzten Halt – nicht in meiner Tasche, wo er hingehört hätte, sondern auf einem Fensterbrett, wo er überhaupt nichts zu suchen hatte. Der Kutscher überlegte nicht lange, bat Karin und mich wieder Platz zu nehmen, und wir fuhren zurück.

    Und tatsächlich: Der Geldbeutel wartete noch dort, als hätte er sich nur kurz die Landschaft ansehen wollen. Aus Dankbarkeit spendierte ich dem Kutscher ein Gläschen Schnaps. So kehrten wir erleichtert zurück – ich mit Geldbeutel, der Kutscher mit Schnaps und Karin vermutlich mit der Erkenntnis, dass das Leben mit mir nie ganz langweilig werden würde.

    Der Silvesterabend wurde wunderbar. Es gab ein festliches Dinner, das Trio brachte den Saal zum Beben, und um Mitternacht knallten die Korken. Für einen Augenblick war alles leicht: die Musik, das Lachen, das neue Jahr, das vor uns lag. Man dachte nicht an Sorgen, nicht an Vorurteile, nicht an Heimweh. Man war einfach da – jung, lebendig und bereit für das, was kommen sollte.

    Am nächsten Tag fuhren wir gegen 13 Uhr zurück nach München. Ich war glücklich und zufrieden nach einem Jahreswechsel, der schöner kaum hätte sein können.

    Wenn ich heute daran denke, sehe ich nicht nur den Bus, die Berge, das Hotel und diese wunderbare Mischung aus Musik, Schnee und jugendlicher Unbekümmertheit vor mir. Ich sehe auch den jungen Mann, der ich damals war: voller Sehnsucht nach der Heimat, voller Hoffnung auf ein neues Leben, manchmal etwas tollpatschig, aber immer bereit, dem Schicksal die Hand zu geben – auch wenn es in jenem Winter offenbar im Gepäckraum mitfuhr.

    Vielleicht war genau das die Lehre jener Tage: Das Leben fragt selten nach Papieren, Plänen oder perfekter Vorbereitung. Es steigt einfach ein, setzt sich neben einen – oder versteckt sich zwischen den Koffern – und nimmt einen mit.

  • 1963 – Zwischen Moosacher Puffreis und Erkennungsdienst

    Wie ich Bayerisch lernte und trotzdem Fingerabdrücke abgab

    Nach dem Tanz mit der Walküre in Allach eröffnete sich am 1. Juni 1962 ein neues Kapitel meines Lebens. Nur wusste ich damals natürlich nicht, wie lange dieses Kapitel dauern würde. Sicher war für mich nur eines: Meinen einjährigen Arbeitsvertrag wollte ich auf jeden Fall einhalten.

    Zugleich musste ich vorsichtig sein, denn in Italien stand irgendwann auch meine Einberufung zum Militärdienst im Raum. Also musste ich mich beim Italienischen Konsulat in München erkundigen, was ich tun musste, um eine vorübergehende Befreiung zu erhalten – und vor allem, wie lange diese gelten würde.

    Die Nachrichten, die ich dort erhielt, waren mehr als zufriedenstellend. Wenn ich einen gültigen Arbeitsvertrag vorlegen konnte, würde die Befreiung für zehn Jahre gelten – unter der Bedingung, dass mein jährlicher Aufenthalt in Italien nicht länger als 90 Tage dauerte.

    Gleich am Samstag darauf packte ich meinen Arbeitsvertrag und meine Dokumente ein und fuhr in die Möhlstraße zum Italienischen Konsulat. Innerhalb einer Stunde war alles erledigt. Oder, wie man in Bayern zu sagen pflegt: Der Kas war biss’n.

    Also, Franco, dachte ich mir, jetzt steht dir nichts mehr im Weg. Auf in den Kampf.

    Ja, es wurde tatsächlich ein Kampf – aber nicht, weil ich etwas erobern wollte. Es war eher ein Kampf mit mir selbst und mit der neuen Welt, in die ich hineingeraten war. Ich hatte mir vorgenommen, mich an die Gepflogenheiten in Deutschland anzupassen, die Menschen kennenzulernen, ihre Mentalität zu verstehen und herauszufinden, wie ich mich am besten durchschlagen konnte.

    Vor allem aber hatte eines absolute Priorität: die Sprache.

    Das mit dem Sprachenlernen wurde ein Kapitel für sich. Ich kaufte mir ein Wörterbuch Italienisch–Deutsch und versuchte bereits in der Firma, mich damit verständlich zu machen. Doch meistens erntete ich nur Gelächter. Was mich besonders störte: Wenn man mit mir sprach, dann oft in gebrochenem Deutsch und fast immer im Infinitiv.

    „Du kommen.“
    „Du machen.“
    „Du verstehen?“

    Ja, ich verstand – zumindest, dass ich anscheinend noch viel zu lernen hatte.

    Ein paar Wochen später fand ich heraus, dass das Gelächter nicht nur wegen meiner Aussprache kam. Der eigentliche Skandal war viel größer: Ich redete Hochdeutsch. Und das in München! Das war offenbar eine Todsünde. In München, ja überhaupt in Bayern, sprach man Bayerisch – und nicht dieses saubere Hochdeutsch aus dem Wörterbuch.

    Also lernte ich meine erste Lektion: Ab sofort wird Bayerisch gelernt.

    Einer der schwierigsten Kämpfe war allerdings nicht die Sprache, sondern das Essen. Was hier als Suppe serviert wurde, konnte ich mit meinen italienischen Essgewohnheiten kaum vereinbaren. Ich weiß bis heute nicht genau, wie ich es definieren soll. Aber das Auge isst bekanntlich mit – und meine Augen verweigerten damals häufig die Zusammenarbeit.

    Also bestand mein Mittagessen oft aus Puffreis.

    Puffreis war zwar keine kulinarische Offenbarung, aber er war harmlos, trocken, verständlich und stellte keine Fragen. Für einen jungen Italiener in Bayern war das manchmal schon ein großer Vorteil.

    Wer mich langsam an die bayerischen Essgewohnheiten heranführte, war mein Bekannter aus Ancona, der Nino. Einmal fuhren wir von Allach mit dem Zug nach München. Am Hauptbahnhof kaufte er sich eine weiße Bratwurst, die er mit sichtbarem Genuss verspeiste.

    Zu dieser Zeit litt ich ständig unter Hunger. Also dachte ich mir: Franco, sei kein Frosch, probiere es einfach.

    Ich bestellte mir ebenfalls eine Bratwurst mit scharfem Senf.

    Leute, was soll ich sagen: Es hat geschmeckt.

    So begann mein langsamer Abschied vom Puffreis. Nicht sofort, nicht endgültig, aber immerhin: Der erste Schritt in Richtung bayerischer Ernährung war getan.

    Der Sommer 1962 war wunderschön. Ich ging oft in Moosach spazieren, beobachtete die Straßen, die Menschen, die Häuser und versuchte, mich in dieser neuen Umgebung zurechtzufinden. Bei einem dieser Spaziergänge entdeckte ich in der Allacher Straße ein sehr nettes kleines Tanzlokal. Es wurde später zu meinem Stammlokal.

    Bei einem anderen Spaziergang fand ich auf dem Weg eine Schülermappe. Im ersten Moment wusste ich nicht recht, was ich damit anfangen sollte. Dann dachte ich mir: Gib sie einfach bei der Polizei ab. So verbindest du das Nützliche mit dem Praktischen und tust auch noch etwas Gutes.

    Also ging ich zur Moosacher Polizeistation.

    Dort fragte ich einen Polizisten, wo ich die gefundene Mappe abgeben könne. Er sah mich etwas verwundert an und sagte in einem Deutsch, das ungefähr so gebrochen war wie meines:

    „Du bleiben. Ich kommen sofort wieder.“

    Na gut, dachte ich, dann bleibe ich eben.

    Nach ein paar Minuten kam er zurück und sagte:

    „Du kommen mit.“

    Nun ja, mit ihm hatte ich noch keine Sau getrieben, aber ich ging trotzdem mit.

    Dann kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Man führte mich in ein Zimmer, und dort nahm man mir die Fingerabdrücke ab.

    Da fragte ich mich: Franco, was hast du bloß wieder angestellt?

    Ich hatte niemanden ermordet, nichts gestohlen und wollte nur eine gefundene Schülermappe abgeben. Trotzdem saß ich plötzlich da wie ein Schwerverbrecher aus einem Kriminalfilm.

    Warum diese Prozedur notwendig war, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben.

    Vielleicht wollte man einfach sicher sein, dass der ehrliche Finder auch ordentlich registriert war. Vielleicht war es Vorschrift. Vielleicht verstand ich damals auch nur die Hälfte von dem, was mir erklärt wurde. Möglich ist alles.

    Fest steht nur: Ich kam nach Deutschland, um zu arbeiten, Deutsch zu lernen und mich anzupassen. Am Ende lernte ich Bayerisch, überlebte dank Puffreis und Bratwurst – und bekam bei der Polizei meine ersten Fingerabdrücke abgenommen.

    So fing mein neues Leben in München an: mit Wörterbuch, Hunger, gutem Willen und einem Erkennungsdienst, den ich gar nicht bestellt hatte.

  • 🐶1957 – Die Laika, die Asiatische Grippe und mein Blinddarm

    🐶1957 – Die Laika, die Asiatische Grippe und mein Blinddarm

    Auch wir im Kinderheim blieben von der Asiatischen Grippe nicht verschont. Es war im September 1957, als die Grippewelle bei uns anrollte. Zuerst erwischte es nur einige wenige Kinder, doch gegen Ende des Monats hatte sie beinahe das ganze Heim im Griff – mich eingeschlossen.

    Man brachte mich ins Krankenhaus nach Ancona, weil ich – angeblich – die typischen Symptome der Asiatischen Grippe hatte. Kaum dort angekommen, wurde ich schon weitergereicht: Plötzlich stand Gelbsucht im Raum, und ich landete in der dafür vorgesehenen Abteilung. So schnell kann man also in der Medizin die Abteilung wechseln, ohne auch nur den Koffer auszupacken.

    Am nächsten Tag wurde ich erneut untersucht – und, oh Wunder, auf einmal stellte man fest, dass ich eine akute Blinddarmentzündung hatte. Damit war ich kurzerhand zur Operation freigegeben. Aus Grippe wurde Gelbsucht, aus Gelbsucht Blinddarm: Die Diagnose machte damals offenbar mehr Sprünge als ich selbst.

    Also, rekapitulieren wir kurz:

    • Eingeliefert wegen Verdachts auf Asiatische Grippe.
    • Neue Diagnose: Gelbsucht.
    • Erneut untersucht – neue Diagnose: Blinddarmentzündung, sofortige Operation.

    Was sollte ich als Vierzehnjährige von dieser kleinen medizinischen Odyssee halten? Ehrlich gesagt: gar nichts. Von Medizin verstand ich damals überhaupt nichts – und wenn ich ganz offen bin, hat sich das bis heute nur in bescheidenen Grenzen geändert. Immerhin kann ich inzwischen eine Erkältung von einem Muskelfaserriss unterscheiden, aber damit endet meine Fachkompetenz auch schon. Also hegte ich damals keinen besonderen Zweifel an der italienischen Heilkunst und dachte mir nur: Die werden schon wissen, was sie tun. 😊

    Mein eigentlicher Hauptgedanke galt damals jedoch der kleinen Hündin Laika, die mit Sputnik 2 um die Erde kreiste. Ich hoffte inständig, dass ihr nicht Ähnliches widerfahren möge wie mir: eine Reise ins Ungewisse, mit fraglichem Ausgang und der bangen Hoffnung, heil wieder zurückzukehren. Leider meinte es das Schicksal mit Laika weit weniger gnädig.

    Nun ja – dieser Umstand und die Operation bescherten mir eine Rekonvaleszenz, die ich zu Hause in San Severino verbringen durfte. Im Nachhinein betrachtet war das fast schon der angenehmste Teil der ganzen Geschichte.

    Etwa zehn Tage nach der Operation ging ich eines Tages zufällig an unserem Stadion vorbei, das damals noch offen und frei einsehbar war. Dort trainierten einige Jungen, etwas älter als ich, und es sah ganz danach aus, als finde gerade eine Sichtung für angehende Fußballer statt. Weil offenbar niemand im Tor stand, schlich ich mich kurzerhand hinein – ganz in Zivil, wie ich war. In diesem Moment dachte ich natürlich keinen Augenblick an die frische Operation. Ich war mit vollem Ernst bei der Sache und offenbar gar nicht so schlecht.

    Während meiner Genesung ging ich viel spazieren. Eines Tages kam ich am Stadion von San Severino Marche vorbei, wo die Settempeda spielte. Als ich den Jungen beim Fußballspielen zusah, bemerkte ich, dass dort gerade ein Probetraining stattfand.

    Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und näherte mich langsam dem Tor, in dem gerade kein Torwart stand. Schüchtern fragte ich, ob ich mich hineinstellen dürfe. Die Antwort war mehr als positiv, und so spielte ich – genau so angezogen, wie ich war – einfach mit und begeisterte die anderen Spieler mit meinen Paraden.

    Denn kurz darauf wurde ich von Renato angesprochen, einem damals in den Marken bekannten Mittelstürmer der Sanbenedettese, die in der zweiten italienischen Liga spielte. Er fragte mich, wo ich eigentlich spiele. Ich antwortete nur, in Ancona, in unserer Heimmannschaft. Daraufhin sprach mich jemand von der SS Settempeda an und fragte, ob ich mich nicht dem Verein anschließen wolle. Leider musste ich ablehnen, denn ich hatte gerade meine Fachschule in Ancona begonnen und wollte sie unbedingt zu Ende bringen. Vor 1960 konnte ich also nicht in San Severino spielen. So begann meine kurze, aber intensive Fußballkarriere – und ich brachte es immerhin auf einen Marktwert von 5.000.000 Lire, was heute ungefähr 32.500 Euro entspräche. Nicht schlecht für jemanden, der kurz zuvor noch zwischen Grippe, Gelbsucht und Blinddarm hin- und her diagnostiziert worden war.

    Als ich nach Hause kam, musste ich mir erst einmal die Predigt meiner Mutter anhören, weil meine Kleider so schmutzig waren. Ich erfand eine kleine Notlüge und behauptete, ich sei gestolpert und in eine Wasserpfütze gefallen. Nun ja – damit gab sie sich zufrieden. Zum Glück fragte sie nicht nach, sonst hätte ich vermutlich noch erklären müssen, wie man frisch operiert zufällig im Tor eines Fußballplatzes landet.