🪰 1989 – Das Surren der Fliegen – Karfreitag im Dom der Maschinen

Historische IBM-System/360-Anlage – Symbolbild für die Großrechnerwelt.

Es gibt Tage im Berufsleben, die verschwinden spurlos im grauen Einerlei von Dienstplänen und Schichtübergaben. Und dann gibt es jene Tage, die sich unauslöschlich einprägen – nicht, weil man sie sich ausgesucht hätte, sondern weil ein einziges Geräusch, eine kleine Unachtsamkeit oder ein falscher Schritt genügt, um sie für immer im Gedächtnis zu verankern. Dieser Karfreitag gehörte eindeutig zur zweiten Sorte.

Unsere Nachtschicht war damals längst eingespielt wie ein Uhrwerk, das nur gelegentlich aufgezogen werden musste. Zu Beginn der Schicht betrug die eigentliche Arbeitszeit meist vier bis fünf Stunden, doch nicht selten reichte sie bis tief in den Samstag oder sogar in Feiertage hinein. In der Jobvorbereitungsgruppe hatten wir deshalb eine einfache und vernünftige Regel eingeführt: An solchen Tagen löste die Frühschicht die Kollegen der Nacht spätestens um 8:00 Uhr ab. Das System funktionierte erstaunlich gut.

Es war Ostern 1989. In der Karwoche hatte ich Frühschicht und löste am Karfreitag um 6:00 Uhr Hans ab, meinen Trauzeugen. Schon bei der Übergabe sah man ihm die anstrengende Nacht an. Mehrere Datenbanken waren beschädigt worden und mussten dringend repariert werden. Den verbliebenen Rest dieser Arbeit übernahm ich und brachte ihn schließlich zu Ende.

IBM-3090-Rechenzentrum – Symbolbild für die Großrechnerwelt der 1980er-Jahre

Zum Glück musste an gesamtdeutschen Feiertagen die Online-Verfügbarkeit nicht bereits um Punkt sechs Uhr gewährleistet sein. Die gesamte Verwaltung – Autoauslieferung, Buchhaltung, Ersatzteilwesen, Export, Fertigerzeugnisse, Kfz-Briefe, Materialwirtschaft, Ordering, Technischer Informationsdienst und viele weitere Bereiche – musste erst gegen 11:30 Uhr vollständig onlinefähig sein. Im Ernstfall hätten wir selbstverständlich Prioritäten setzen können. Doch es war Karfreitag. Und an Karfreitagen scheint selbst ein Rechenzentrum einen Gang herunterzuschalten.

Nachdem die Datenbanken wiederhergestellt waren, kehrte allmählich Ruhe ein. Die Maschinen arbeiteten wieder im gewohnten Rhythmus, als wäre nie etwas geschehen. Und wir gönnten uns sogar eine wohlverdiente Mittagspause. Wer mit Großrechnern gearbeitet hat, weiß: Eine ruhige Mittagspause nach einer solchen Nacht ist kein Luxus, sondern beinahe ein Geschenk des Himmels.

Gegen 14:00 Uhr verabschiedete sich die Frühschicht aus dem Maschinensaal, den wir ehrfürchtig und gleichzeitig mit einem Augenzwinkern „den Dom“ nannten. Dort residierten Max, Moritz und die Witwe Bolte – drei IBM-360/85-Anlagen mit ihren Platteneinheiten, dem sogenannten „Kaninchenstall“, dazu sechsunddreißig oder vierzig Bandeinheiten, Lochkartenleser, mehrere Drucker und allerlei Peripheriegeräte. Es war ein eigenes Universum aus Metall, Kabeln, Wärme, Lichtsignalen und ständigem Rauschen. Hackerangriffe, wie sie die spätere IT-Welt kennenlernen sollte, existierten damals noch nicht. Damals konnte man den größten Schaden noch mit dem eigenen Fuß anrichten.

Gegen 15:30 Uhr vervollständigte ich das Schichtprotokoll und machte meine Kontrollrunde. Ich überprüfte, ob noch etwas offen war und ob alle Projekte ihre finale Sicherung für den nächsten Online-Start erhalten hatten. Anschließend ging ich zu den Druckern und unterhielt mich mit dem Operator.

Während unseres Gesprächs bewegte ich mich rückwärts in Richtung Ausgang – eine jener unbedachten Kleinigkeiten, die sich im Nachhinein als Auftakt zu einem Drama entpuppen. Ich übersah eine leicht verschobene Doppelbodenplatte, verlor das Gleichgewicht, riss instinktiv die Arme hoch und fiel rücklings zu Boden.

Und weil das Leben gelegentlich einen ausgesprochen schwarzen Humor besitzt, traf ich beim Fallen ausgerechnet den roten Hauptschalter.

Der Dom verstummte.

Von einer Sekunde auf die andere war das vertraute Rauschen verschwunden. Kein Summen, kein Klackern, kein rhythmisches Arbeiten der Geräte. Nur Stille. Eine solche Stille, dass man tatsächlich das Surren einer einzigen Fliege hätte hören können.

Der Operator, der alles beobachtet hatte, eilte sofort zu mir. Wahrscheinlich sah ich in diesem Augenblick nicht nur erschrocken, sondern bereits kreidebleich aus.

„Alles in Ordnung?“

Ich brachte lediglich ein leises, stotterndes „Ja, ja …“ hervor.

Der IBM-Bereitschaftsdienst wurde verständigt, ebenso der Leiter des Rechenzentrums. Zum Glück hielt sich der Schaden in Grenzen. Lediglich eine 3380-Platte hatte ihren Geist aufgegeben und konnte dank der zuvor angefertigten Sicherungen wiederhergestellt werden.

Gegen 18:00 Uhr war der Spuk vorbei. Der Dom atmete wieder. Die Technik lief, und ich konnte mit einem etwas flauen Magen nach Hause fahren.

Am Osterdienstag folgte der unvermeidliche Rapport beim Stellvertreter des Bereichsleiters, einem ehemaligen Bundeswehroffizier. Zunächst verlief das Gespräch ruhig und sachlich. Dann stellte er die Frage, die offenbar schon die ganze Zeit im Raum gestanden hatte:

„Herr Pioli, hatten Sie am Freitag etwas getrunken?“

Da fuhr ich, zugegeben, ein wenig aus der Haut.

„Erstens: Glauben Sie wirklich, dass ich es Ihnen jetzt sagen würde, wenn ich etwas getrunken hätte? Und zweitens: Dass ich mich an diesem Schaltpult wegen einer schlecht sitzenden Doppelbodenplatte verletzt habe, kommt Ihnen überhaupt nicht in den Sinn?“

Nun geriet er seinerseits ins Stottern.

„Nein, nein, Herr Pioli, so war das nicht gemeint …“

Damit war die Angelegenheit beendet. Ich kehrte an meinen Arbeitsplatz zurück – aufrechter, als ich am Karfreitag gefallen war.

Immerhin zog man Konsequenzen aus dem Vorfall. Die Bodenplatte wurde ordentlich justiert, und der rote Hauptschalter erhielt einen stabilen Schutzdeckel, der erst geöffnet werden musste, bevor man den Schalter überhaupt betätigen konnte. Die Anlage war danach besser geschützt – vermutlich auch vor mir.

Den alten roten Schalter schenkte man mir später als Erinnerung. Heute liegt er oben auf dem Speicher. Ein kleines Stück Rechenzentrumsgeschichte und ein Denkmal meiner unfreiwilligen Großtat.

Ausgeschaltet wird damit nichts mehr.

Höchstens gelegentlich die Vorstellung, dass Technik immer nur von innen heraus versagt.

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