Damals spielte ich bei der S.S. Settempeda unter Mister Pin – einem Mann, der vermutlich schon beim Frühstück mehr Disziplin ausstrahlte als wir alle zusammen auf dem Fußballplatz. Zu Beginn der Saison war ich nur zweite Wahl, denn ein eingekaufter Spieler aus Camerino hatte mir den Stammplatz weggeschnappt. Doch wirklich beklagen konnte ich mich nicht. Das Training machte Spaß, die monatliche Aufwandsentschädigung kam pünktlich, und wenn ich im Kader stand, gab es sogar die volle Spielprämie – selbst dann, wenn ich den größten Teil des Spiels aus nächster Nähe bestaunen durfte.
Mit diesem Reservistendasein war ich allerdings nicht allein. Da gab es noch einige Jungs aus San Severino, unter anderem Nando. Rein äußerlich war er eine Wucht: groß, kräftig und sportlich gebaut. Kurz gesagt: Für die Leichtathletik geboren. Für Fußball… sagen wir es freundlich: mit bemerkenswertem Optimismus ausgestattet.
Trainiert wurde trotzdem, als hinge unser Leben davon ab. Dreimal pro Woche wurde gelaufen, geschwitzt und gelitten. Auch wir Reservisten hofften Woche für Woche auf unsere Chance. Für mich kam sie bereits im Januar, bei Nando dauerte es bis Mai.
Als Mister Pin am Samstagabend bekanntgab, dass Nando am Sonntag gegen Monte San Giusto im Kader stehen würde, war für ihn klar: Das war nicht einfach ein Spiel. Es war sein WM-Finale, sein persönlicher Maradona-Moment.
Am Sonntagmorgen um zehn Uhr ging es los. Kaum hatte sich der Bus an der Piazza del Popolo in Bewegung gesetzt, brüllte plötzlich jemand:
„Stopp! Ich muss nach Hause – ich habe meine Fußballschuhe vergessen!“
Natürlich war das Nando.
Zum Glück wohnte er nicht weit entfernt, also fuhr der Bus kurzerhand bis vor seine Haustür. Wenige Augenblicke später war er wieder an Bord, und wir dachten alle:
Schlimmer kann es heute nicht mehr werden.
Doch wir hatten die Rechnung ohne Nando gemacht.
In der Kabine, kurz vor dem Spiel, stieß er plötzlich einen Schrei aus:
„Jungs … ich habe zwei linke Fußballschuhe dabei!“
Einen Augenblick lang herrschte absolute Stille.
Dann brachen wir alle in Gelächter aus.
Aber das Schönste war Nando selbst. Denn kaum hatte er den ersten Schock überwunden, grinste er schon wieder und sagte:
„Na gut, dann spiele ich eben mit zwei linken Schuhen. Vielleicht täusche ich damit wenigstens den Torwart.“
Und damit war jede Nervosität verschwunden.
Wir lachten Tränen – nicht über ihn, sondern mit ihm. Denn genau so war Nando.
Und dann schrieb der Fußball wieder einmal seine eigenen Geschichten.
Wir gingen tatsächlich mit 1:0 in Führung.
Torschütze?
Natürlich Nando.
Ja, genau der Nando.
Der Mann mit den zwei linken Fußballschuhen.
Bis heute weiß ich nicht, mit welchem Fuß er das Tor geschossen hat, und vielleicht ist es besser so. Manche Wunder sollte man nicht allzu genau hinterfragen.
Am Ende stand es 1:1. Ich musste leider noch einen Elfmeter hinnehmen, und gewonnen haben wir nicht.
Aber geblieben ist etwas viel Schöneres.
Nicht das Ergebnis.
Nicht die Tabelle.
Sondern dieser eine Tag, diese Aufregung, dieser Busstopp vor seinem Haus, dieser Schrei in der Kabine – und Nando, wie er mit zwei linken Fußballschuhen das Unmögliche möglich machte.
Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich immer noch lachen. Aber es ist dieses warme Lachen, das nur Erinnerungen schenken können.
Und wenn irgendwo da oben ein Fußballgott für gute Anekdoten zuständig ist, dann hat er an diesem Tag ganz sicher seine Hände im Spiel gehabt – auch wenn Nando nur linke Schuhe anhatte.
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