🚓1973 – Im Fadenkreuz der Carabinieri

Ein Urlaub, eine Sonnenbrille und zwei italienische Amtshandlungen

Unser Urlaub im Vorjahr war uns in so schöner Erinnerung geblieben, dass wir bald wieder Pläne schmiedeten. Nachdem Christine und ich in das kleine Apartment in Brezen gezogen waren, fassten wir allmählich Fuß in Erding. An den Wochenenden waren wir meistens unterwegs – tanzen, essen, kleine Ausflüge machen. Nur wenn mein Sohn bei mir zu Besuch war, gehörte die Zeit ganz ihm.

Irgendwann stand fest: Der nächste Urlaub sollte uns wieder in die Marche führen.

Zuvor kauften wir uns ein neues, etwas größeres Auto: einen Ford 16 M. Der alte Simca hatte endgültig den Geist aufgegeben. Viele Bekannte verstanden die Welt nicht mehr: „Wie, du arbeitest bei BMW und fährst Ford?“

Tja – manchmal entscheidet nicht die Firmenzugehörigkeit, sondern der Geldbeutel. Und der war damals alles andere als prall gefüllt. Ich hatte alle Schulden übernommen, die während meiner Ehe entstanden waren, damit meine Ex-Frau, mein Sohn und ihre Tochter finanziell eine bessere Zukunft hatten.

Das Verhältnis zwischen meiner Ex-Frau und mir schien sich langsam zu normalisieren. Es ging sogar so weit, dass wir vereinbarten, beide Kinder gemeinsam mit Christine in den Urlaub nach Italien mitzunehmen.

Wie es sich für einen Italiener offenbar gehörte, fuhren wir wieder im August nach San Severino Marche und blieben drei Wochen. Fast täglich ging es von meiner Heimatstadt nach Porto Recanati. Dort hatte ich bei einer Bar einen Sonnenschirm und zwei Liegen für unseren Aufenthalt gemietet – unser kleines Strandquartier mit Meerblick und Urlaubsgefühl.

Morgens fuhren wir meist gegen halb acht los und kamen abends gegen halb acht zurück. Die Tage verliefen harmonisch, ruhig und beinahe unwirklich schön. Fast zu schön, um wahr zu sein.

Aber wir hatten die Rechnung ohne die italienische Sonne gemacht.

Am vorletzten Urlaubstag schlief Christine am Strand ein – ausgerechnet mit dem Gesicht zur Sonne. Zunächst sah es nur nach einem leichten Sonnenbrand aus, denn sie hatte sich täglich sorgfältig eingecremt. Doch bald begannen ihre Augen stark zu schmerzen.

Also fuhren wir sofort nach San Severino, um in der Apotheke etwas zu bekommen, das die Beschwerden lindern könnte. Leider Fehlanzeige. Der Apotheker riet uns, die Notaufnahme des Krankenhauses aufzusuchen. Ich brachte zuerst die Kinder nach Hause, dann fuhr ich mit Christine dorthin. Inzwischen konnte sie die Augen kaum noch öffnen, und die Schmerzen wurden immer schlimmer.

Man erklärte mir, dieses Augenproblem sei vergleichbar damit, als würde man eine halbe Stunde lang direkt in die Flamme eines Elektroschweißgeräts schauen. Davon konnte ich leider ein Lied singen, denn während meiner Arbeit als Elektroschweißer war mir das selbst ein paarmal passiert. Es fühlt sich an, als hätte man Sand in den Augen, dazu ein Brennen, das bis in den Kopf zieht. Die Lider lassen sich kaum öffnen, als wären sie verleimt. So etwas wünscht man nicht einmal seinem schlimmsten Feind.

Der diensthabende Arzt teilte mir mit, Christine müsse zur Kontrolle im Krankenhaus bleiben. Man werde sich gut um sie kümmern, ich solle mir keine allzu großen Sorgen machen und am nächsten Morgen wiederkommen.

Ich erklärte Christine die Situation, bat sie, sich auszuruhen, und versicherte ihr, dass sie in guten Händen sei. Dann ging ich zurück zu den Kindern – mit einem Knoten im Bauch, den ich mir nicht anmerken lassen wollte.

Am nächsten Morgen fuhr ich sofort ins Krankenhaus. Dort erschrak ich gleich aus zwei Gründen: Christine konnte die Augen immer noch nicht öffnen – und sie war auf die Entbindungsstation verlegt worden.

Als ich zu ihr kam, schilderte sie mir völlig verwirrt die Lage. Sie konnte sich nicht erklären, warum um sie herum ständig Frauen stöhnten, als stünde die Geburt unmittelbar bevor. Mit einem kleinen Schmunzeln auf den Lippen erklärte ich ihr, wo sie gelandet war.

Da musste sogar sie lachen – blind vor Schmerz, aber nicht ohne Humor.

Ich wartete die Visite ab, um Genaueres zu erfahren. Der Arzt erklärte mir, Christine habe eine schwere Photokeratitis, also einen Sonnenbrand auf beiden Augen, verursacht durch übermäßige UV-Strahlung. Solange sie die Augen nicht öffnen könne, werde sie nicht entlassen, da ernsthafte Folgen möglich seien.

Das sagte ich Christine natürlich nicht in aller Deutlichkeit. Ich erklärte ihr nur, dass sie noch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben müsse. Damit verlängerte sich unser Urlaub unfreiwillig – und in meinem Kopf begann sofort die Urlaubskasse leise zu weinen.

Am fĂĽnften Tag wurde Christine entlassen. Vorerst musste sie eine Sonnenbrille tragen, um ihre Augen zu schonen. Ich fuhr mit ihr nach Hause, brachte sie in mein abgedunkeltes Zimmer, und wir sprachen ĂĽber unsere finanzielle Lage.

SchlieĂźlich beschlossen wir, bei Einbruch der Dunkelheit nach MĂĽnchen zurĂĽckzufahren.

Um die Kasse zu schonen, entschied ich mich für die Statale Adriatica. Die Strecke war zwar langsamer, aber wir konnten Benzin sparen und vor allem die Autobahngebühren umgehen. In unserer Lage zählte jede Lire – und manchmal fühlt sich Sparen fast so heldenhaft an wie ein Abenteuer.

Als wir bei Rimini einfuhren, waren wir mit ungefähr 100 km/h unterwegs. Rechts hatten die Carabinieri eine Verkehrskontrolle aufgebaut. Einer der Beamten stand am Straßenrand und gab mir mit seiner Kelle ein Zeichen, die Geschwindigkeit zu reduzieren.

Genau das tat ich – und fuhr weiter.

Im Rückspiegel sah ich, wie er zu seinem Dienstwagen ging. Ich dachte mir nichts dabei, denn dort stand nur ein kleiner Fiat 600. Falsch gedacht. Daneben lauerte ein Alfa Giulietta. Plötzlich gingen die Lichter an, und die Verfolgung begann.

Nach etwa zwei Kilometern hielt ich an. Einer der Carabinieri kam zu unserem Wagen. Ich kurbelte das Fenster herunter und fragte, was los sei. In ziemlich strengem Ton forderte er mich auf, auszusteigen, die Papiere und den Reisepass vorzuzeigen. Dann fĂĽgte er hinzu, ich solle froh sein, dass er mich nicht mit einer Maschinenpistole zum Anhalten gebracht habe.

Ich bat ihn ruhig, mit mir nach hinten zu gehen, zeigte auf das D-Schild am Auto und fragte: „Kennen Sie dieses Zeichen?“

Als er nickte, sagte ich freundlich, aber bestimmt: „Dann noch so ein Satz von Ihnen, und Sie werden Ihren Rang bald verlieren.“

Danach entspann sich eine kleine Diskussion über die Kelle. Ich machte ihm klar, dass sein Zeichen nicht bedeutet hatte: „Anhalten!“, sondern lediglich: „Langsamer fahren!“ Und genau das hatte ich getan.

Nach einigem Hin und Her durfte ich weiterfahren. Ich bedankte mich höflich, fügte aber mit einem Schmunzeln hinzu: „Ohne meine Papiere bewege ich mich keinen Millimeter.“

Er verstand den Scherz, gab mir die Dokumente zurĂĽck, und wir setzten unsere Fahrt fort.

Gegen sechs Uhr morgens näherten wir uns Verona. Ich war die ganze Nacht gefahren, und Christine bot mir an, das Steuer zu übernehmen. Ich nahm dankbar an. Durch den Umweg hatten wir immerhin rund 10.000 Lire an Autobahngebühren gespart. Deshalb beschloss ich, bei Verona doch auf die Autobahn zu fahren.

Ein schöner Plan – und wie so oft blieb er genau das: ein Plan.

Kurz vor Verona erlaubte sich Christine, in einem Ăśberholverbot ein Auto vor uns zu ĂĽberholen. Man kann sich denken, was passierte: Die Carabinieri hielten uns an, und wir mussten 5.000 Lire Strafe bezahlen.

Damit war die Autobahn wieder gestrichen.

Also weiter auf der Landstraße – mit gespartem Geld, angekratzter Laune und einer Geschichte mehr im Gepäck.

Christines Genesung dauerte noch ein paar Tage, doch zum Glück blieben keine Schäden zurück. Die Photokeratitis wurde für uns zu einer Lektion, die wir nie vergaßen: Die Sonne meint es in Italien zwar gut – manchmal aber eindeutig zu gut.

Seitdem hatten Sonnenbrillen, Schatten und gesunder Respekt vor UV-Strahlung bei uns einen ganz neuen Stellenwert. Und ich lernte wieder einmal: In Italien kann ein Urlaub friedlich beginnen, medizinisch weitergehen und am Ende trotzdem im Fadenkreuz der Carabinieri landen.

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