Nach unserer abenteuerlichen Fahrt von Cortina nach Treviso beschlossen wir am nächsten Tag, nach Venedig zu fahren. Die Lagunenstadt lag nur noch etwa zwanzig Minuten entfernt.
Gegen halb elf parkten wir das Auto in der Nähe des Bahnhofs und fuhren mit dem Vaporetto den Canal Grande entlang. Irgendwo weit vor dem Markusplatz stiegen wir aus und tauchten ein in diese unverwechselbare Welt aus engen Gassen, stillen Kanälen, alten Palästen und unzähligen Brücken.
Für Christine war es der erste Besuch in Venedig. Ich selbst war schon einmal dort gewesen, und mir wurde warm ums Herz. Schöne Erinnerungen kamen zurück: an einen Urlaub mit Opa, Oma und Zia Maria, lange bevor das Leben komplizierter geworden war.
Vor Venedig waren wir gewarnt worden.
„Passt auf, Venedig ist teuer!“, hatte Christines Tante in München gesagt.
Doch wir empfanden das ganz anders. Für umgerechnet neun Euro bekamen wir ein Touristenmenü mit Pasta, einer kleinen Bistecca ai ferri, Salat, Wasser, Coperto und sogar einem halben Liter Wein.
Das lag vermutlich daran, dass wir nicht direkt unter den Arkaden des Markusplatzes saßen, sondern dort, wo Venedig leiser wurde und man zwischen den kleinen Gassen noch den Atem der Stadt spüren konnte.
Auch dieser wunderbare Tag ging zu Ende. Wir übernachteten irgendwo zwischen Venedig und dem Süden und erreichten am nächsten Nachmittag unseren gemieteten Bungalow in Porto Recanati.
Eigentlich hätten wir uns dort ausruhen können.
Doch schon kurze Zeit später schlug ich vor, nach San Severino zu fahren.
Ich hatte Sehnsucht.
Vor allem wollte ich Christine meine marchigianischen Hügel und die alten Borghi zeigen. Sie war begeistert. Später gestand sie mir, dass sie sich die Marken ganz anders vorgestellt hatte.
„Fast wie Bayern“, sagte sie, „nur mit sanfteren Hügeln.“
Gegen halb sechs erreichten wir San Severino.
Um möglichst nicht erkannt zu werden, hatte ich mich mit Käppi und dunkler Sonnenbrille getarnt. Auf keinen Fall wollte ich jemandem aus der Familie begegnen.
Doch das Schicksal hatte andere Pläne.
Kaum waren wir auf der Piazza del Popolo angekommen, überquerte der Mann meiner Mutter die Straße. Vor Schreck wäre ihm beinahe das Paket aus der Hand gefallen.
Ich hielt an und begrüßte ihn.
Er lud mich sofort nach Hause ein.
Doch ich lehnte ab.
„In diesem Haus lebt jemand, der leicht zu plärren anfängt“, sagte ich. „Darauf habe ich keine Lust.“
Natürlich stellte ich ihm auch Christine vor und kündigte an, zunächst Zia Teresa im Kloster Santa Chiara zu besuchen.
Kaum waren wir dort angekommen, erschien die Zia im Besucherraum. Zwischen uns befanden sich das doppelte Eisengitter und die Maueröffnung, wie es bei den Klarissinnen üblich war.
Plötzlich klingelte das Telefon.
Kurz darauf wurde Zia Teresa gerufen.
Als sie zurückkam, sagte sie:
„Deine Mutter ist am Telefon.“
Das Telefon stand in der Ruota, jener drehbaren Holztrommel, durch die die Schwestern ihre Gäste versorgten.
Ich nahm den Hörer und stellte sofort die Spielregeln klar:
„Wenn du anfängst zu plärren, lege ich auf.“
Es wirkte.
Sie blieb ruhig und fragte lediglich, ob ich nicht auf einen Caffè vorbeikommen wolle.
Ich sagte zu – allerdings nicht zu Hause.
Wir vereinbarten ein Treffen auf der Piazza del Popolo, unter der Uhr der Misericordia.
Als wir dort ankamen, sah ich sie schon stehen.
Und plötzlich fragte ich mich, warum ich mich nicht viel früher gewehrt hatte.
War es Respekt?
Angst?
Ich weiß es nicht.
Und heute will ich es auch gar nicht mehr wissen.
Ich parkte das Auto, stieg aus und sagte in einem Ton, der keinen Zweifel zuließ:
„Das ist Christine, meine Freundin. Wenn es passt, ist es gut. Wenn nicht, steige ich wieder ins Auto und fahre.“
Doch nichts geschah.
Die Furie war handzahm geworden.
Schließlich fuhren wir sogar gemeinsam in die Via San Biagio, tranken unseren Caffè und redeten lange miteinander.
Gegen acht Uhr abends kehrten wir nach Porto Recanati zurück.
Zum ersten Mal hatte ich ihr klargemacht, dass ich erwachsen war.
Ich brauchte keinen familiären Schutz mehr.
Ich hatte inzwischen selbst eine Familie.
Ich kam gerne zu Besuch, aber nicht mehr als jemand, über den man verfügen konnte.
Der Urlaub verlief wunderbar.
Christine gewöhnte sich langsam an die marchigianische Küche. Besonders der Vernaccia di Serrapetrona hatte es ihr angetan.
Mit Miesmuscheln und Tintenfisch dagegen stand sie zunächst auf Kriegsfuß. Doch auch diese kulinarische Hürde nahm sie mit bemerkenswerter Tapferkeit.
Wie alle schönen Dinge ging auch dieser Urlaub irgendwann zu Ende.
Leider hatten wir etwas zu großzügig eingekauft.
Das Auto war voll mit Wein und Lebensmitteln.
Kurz vor Kufstein übergab ich Christine das Steuer, reichte ihr meinen Reisepass und erklärte:
„Ich schlafe jetzt. Und wenn man dich fragt, ob wir etwas zu verzollen haben, sagst du einfach Nein.“
Offenbar waren die Grenzbeamten bereits in olympischer Vorfreude, denn wir passierten die Grenze ohne jede Kontrolle.
Christine dagegen war so angespannt, dass sie fast einen Kilometer lang mit Vollgas im ersten Gang fuhr.
Schließlich sagte ich:
„Sei bitte so freundlich und schalte mal hoch. Sonst hält uns am Ende doch noch der Zoll an.“
Das waren die Höhepunkte unseres ersten gemeinsamen Urlaubs.
Viele weitere sollten folgen.
Und obwohl diese Reise für zwei Verliebte viel zu kurz war, blieb sie wie ein heller Anfang in unserer Erinnerung.
Heute, nach 54 gemeinsamen Jahren, davon 48 als Ehepaar, sind wir immer noch zusammen.
Wir sind durch dick und dünn gegangen, haben drei Kinder großgezogen und vieles erlebt, was ein Leben reich, schwer, schön und unverwechselbar macht.
Vielleicht war dieser erste Urlaub bereits der Beweis dafür, dass wir nicht nur gemeinsam losfahren konnten.
Sondern auch gemeinsam ankommen würden.
Immer wieder.
Durch jede Kurve des Lebens.
Und, Gott sei Dank, sind wir bis heute ziemlich gut um die Kurve gekommen.
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