1972 – Du biegst ab – und weißt nicht, was dich erwartet ( Teil 1)

Unser erstes Versprechen war eingehalten

Manchmal ist das Leben wie ein Navigationsgerät ohne Ansage. Man biegt ab – und weiß nicht, ob hinter der nächsten Kurve eine Sackgasse, ein Sonnenaufgang oder das größte Abenteuer des Lebens wartet.

1972 war ich seit zehn Jahren in Deutschland. Zeit, Bilanz zu ziehen. Das Positivste in diesem Jahr war meine neue Arbeitsstelle bei BMW in München. Beruflich lief es gut, privat dagegen befand ich mich mitten im berühmt-berüchtigten „verflixten siebten Jahr“. Sieben Jahre Ehe lagen hinter mir, und leider hatte dieser Ausdruck seinen Ruf nicht ganz zufällig erhalten. Die Krise war unübersehbar.

Ich hatte einen kleinen Sohn, und gerade deshalb fiel mir jede Entscheidung unendlich schwer. Doch immer wieder erinnerte ich mich an einen Satz, den mir Jahre zuvor eine Professorin an der Fachoberschule in Ancona mit auf den Weg gegeben hatte:

„Wenn du eines Tages den Mut hast, dein ganzes Hab und Gut zusammenzupacken und loszulassen, um einen neuen Weg zu beginnen, dann brauchst du dir später nichts vorzuwerfen – egal, ob dieser Weg gut oder schlecht ausgeht. Allein der Mut, es versucht zu haben, ist schon etwas wert.“

Dieser Satz hatte mich mein ganzes Leben begleitet. Das Einzige, was mich bis dahin davon abhielt, einen Neuanfang zu wagen, war mein Sohn.

Der Zufall – oder vielleicht das Schicksal – wollte es, dass ich im April beim Starnberger Frühjahrsmarsch ein Mädchen wiedertraf, das ich bereits während meiner Trainee-Zeit bei der Metro kennengelernt hatte. Zunächst begegneten wir uns am Münchner Bahnhof. Sie und ihre Freundin gingen an meinem Platz im Zug vorbei, kamen jedoch kurze Zeit später zurück, weil kein anderer Sitzplatz mehr frei war.

So begann alles.

Gemeinsam liefen wir die ersten 25 Kilometer. Ich marschierte anschließend die gesamten fünfzig Kilometer zu Ende – vermutlich aus sportlichem Ehrgeiz, vielleicht aber auch, weil junge Männer in solchen Momenten oft über mehr Ausdauer als Vernunft verfügen.

Auf der Rückfahrt saßen wir wieder zusammen. Irgendetwas hatte begonnen. Ganz leise, ohne großes Feuerwerk, aber deutlich spürbar.

Offenbar fanden wir uns sympathisch – jedenfalls sympathisch genug, um die Bekanntschaft nicht nach fünfundzwanzig Kilometern zu beenden. Schon am darauffolgenden Montag trafen wir uns auf einen Kaffee am Elisabethplatz in München. So begann unsere Geschichte.

Es folgten Monate, in denen Glück und Schmerz dicht beieinanderlagen. Da war die bevorstehende Scheidung, die wachsende Zuneigung zu meiner Freundin und zugleich die schmerzliche Gewissheit, mich von meinem Sohn trennen zu müssen.

Die Scheidung erfolgte am 3. August. Ich zog aus München in die Nähe von Erding. Dem Himmel sei Dank litt meine Arbeit unter all diesen inneren Turbulenzen nicht. BMW bekam weiterhin einen halbwegs funktionierenden Mitarbeiter geliefert.

Da wir gemeinsam Urlaub machen wollten, hielt ich es für selbstverständlich, mich zunächst ihren Eltern vorzustellen. Christine war noch nicht volljährig, und gerade deshalb war es für mich eine Frage des Respekts und des guten Benehmens, ihre Eltern persönlich kennenzulernen.

Ab dem 6. August hatten wir Urlaub. Für den 11. August war ein kleiner Bungalow in einem Feriendorf bei Porto Recanati gebucht. Doch wir fieberten dieser Reise so entgegen, dass wir unsere ursprünglich für Freitag geplante Abfahrt kurzerhand auf Mittwoch vorverlegten. Geduld gehörte in jenem Sommer offenbar nicht zu unseren größten Tugenden.

Wir versprachen ihren Eltern, uns regelmäßig zu melden, damit sie sich keine Sorgen machen mussten. Ein sehr vernünftiger Vorsatz, wie sich bald herausstellen sollte.

Gegen 14 Uhr fuhren wir los. Ohne festen Plan, voller Leichtigkeit und mit dem Gefühl grenzenloser Freiheit. Zwei Stunden später standen wir bereits am Brennerpass. Nachdem wir D-Mark in Lire getauscht hatten, beschlossen wir spontan, über Franzensfeste und Cortina d’Ampezzo zu fahren und von dort aus den ersten Anruf nach München zu tätigen.

Es wurde eine der schönsten Panoramafahrten unseres Lebens. Die Dolomiten präsentierten sich majestätisch, während unsere Reiseplanung eher mediterran locker daherkam.

In Cortina fanden wir schließlich eine Telefonvermittlung. Gegen 18:50 Uhr meldeten wir ein Ferngespräch nach München an. Vor uns standen allerdings zahlreiche Voranmeldungen. Geduldig warteten wir – bis uns gegen 20:10 Uhr eine Angestellte freundlich, aber bestimmt erklärte, dass die Telefonzentrale nun schließe und wir bitte den Raum verlassen sollten.

Wir standen da wie vom Donner gerührt.

Offenbar hatte die italienische Telefongesellschaft bereits Feierabend, während unsere familiäre Beruhigungsmission gerade erst begonnen hatte.

Nachdem wir uns von diesem kleinen Schock erholt hatten, beschlossen wir zunächst, ein Hotel zu suchen und von dort aus anzurufen. Diese Aufgabe hatte nun höchste Priorität.

Von Cortina bis kurz vor Treviso fragte ich in mindestens zehn oder fünfzehn Hotels und Pensionen nach einem Zimmer. Jedes Mal begann ich höflich auf Italienisch – und jedes Mal erhielt ich dieselbe Antwort:

„Tutto completo.“

Alles ausgebucht.

Mein Italienisch wurde von Hotel zu Hotel flüssiger, die Zimmerlage dagegen blieb hartnäckig unverändert.

Langsam wurde ich nervös. Gegen 22:20 Uhr, fast schon in Treviso, sagte ich zu Christine:

„Weißt du was? Jetzt gehe ich hinein und spreche einfach Deutsch!“

Gesagt, getan.

Und Ihr werdet es kaum glauben: Es funktionierte tatsächlich.

Nicht schlecht staunten die Leute an der Rezeption allerdings, als ich ihnen zur Anmeldung meinen italienischen Reisepass überreichte. Damit hatte offensichtlich niemand gerechnet – am wenigsten die Dame hinter dem Empfang.

Wir bekamen ein Zimmer und konnten endlich ihre Eltern in München anrufen.

Unser erstes Versprechen war eingehalten.

Das war unser erstes kleines Abenteuer.

Und wie sich später herausstellen sollte, sollten noch viele weitere folgen.

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