Oder: Warum ich nicht gleich wieder nach Italien zurückfuhr
Durch einen Aushang am Rathaus erfuhr ich, dass in Deutschland Arbeiter gesucht wurden. Ich lief sofort nach Hause und erzählte es meiner Mutter. Sie nahm die Nachricht zur Kenntnis, ohne mit der Wimper zu zucken. Kein Staunen, keine Sorge, keine Freude. Ich glaube, unser Streit wenige Wochen zuvor hatte etwas in ihr verschlossen, das sich auch durch diese Nachricht nicht mehr öffnen ließ.
Also stellte ich beim Arbeitsamt meinen Antrag auf Auswanderung. Von diesem Augenblick an setzte sich etwas in Bewegung, das sich nicht mehr aufhalten ließ.
Innerhalb von drei Wochen hatte ich zwei medizinische Untersuchungen in Macerata hinter mir, eine Krampfaderoperation in San Severino und schließlich meinen nagelneuen Reisepass in der Tasche. Dabei stellte sich heraus, dass ich sämtliche Unterlagen bisher als Gianfranco unterschrieben hatte – was, wie man mir freundlich, aber bestimmt erklärte, aus amtlicher Sicht keine besonders gute Idee gewesen war.
Bei meiner Geburt war ich als Gianfranco Scalera eingetragen worden, nach meinem leiblichen Vater. So stand es auch im Taufregister des Doms von Sant’Agostino in San Severino Marche, und soweit ich weiß, steht es dort bis heute.
Ab Mai 1962 war ich offiziell Franco.
Nur um meinen Großvater, meinen ewigen Helden, tat es mir leid. Das „Gian“ hatte ich zu seinen Ehren getragen. Aber diese Veränderung hat er nicht mehr erlebt.
Der 24. Mai 1962 war ein seltsamer Tag.
Mit zwei Koffern in der Hand und zehntausend Lire in der Tasche verließ ich unser Haus, überquerte die Piazza del Popolo und machte mich auf den Weg zum Bahnhof.
Vorher wollte ich noch ein letztes Mal meinen Lieblingsweg durch San Severino gehen. Vielleicht klingt das pathetisch, aber für mein Herz war dieser kleine Ort die ganze Welt.
Ich ging noch einmal unter den Arkaden entlang, am Teatro Feronia vorbei, jenem Ort, der mein Schicksal mal zum Guten, mal zum Schlechteren gelenkt hatte. Wenige Schritte weiter kaufte ich meine letzten Zigaretten in San Severino – ausgerechnet bei meinem Nachbarn, der Priester werden wollte und den ich Jahre zuvor erfolgreich zum Traubenstibitzen verführt hatte. Auch das gehörte zu meinen eher unheiligen pädagogischen Leistungen.
Ich ging diesen Weg allein.
Nur mein Nachbar wünschte mir alles Gute.
Schon damals spürte ich, dass sich eine Träne lösen wollte. Damals unterdrückte ich sie. Heute, während ich diese Zeilen schreibe, lasse ich sie einfach laufen.
Ja, ich war allein und hatte das Gefühl, als hätte mich die Welt ein kleines Stück zurückgelassen.
Ein paar Stunden später saß ich jedoch mit vielen anderen Auswanderern in einem Zug, der für mich nur einen Namen hatte:
Hoffnung.
Gegen 18 Uhr erreichten wir Verona. Im Auswandererzentrum wurden uns Schlafplätze in einem riesigen Saal zugewiesen. Danach waren wir den Ärzten ausgeliefert, die uns gründlich auf Herz und Nieren prüften.
Am 28. Mai wurden wir gruppenweise aufgerufen, um Arbeitsverträge zu unterschreiben.
Zunächst fand ich nichts Passendes.
Dann hieß es plötzlich:
„Für München werden Elektroschweißer gesucht.“
Da griff ich sofort zu.
Schließlich hatte ich in Matelica einen dreimonatigen Lehrgang besucht. So bekam ich meinen Arbeitsvertrag bei der Firma Rathgeber in München-Moosach.
Zum ersten Mal seit Wochen kehrte etwas Ruhe in mich ein.
Am 29. Mai wurden wir, ungefähr dreitausend auswanderungswillige Italiener, in einen Sonderzug verfrachtet und nach Deutschland gebracht.
Am Mittwoch, dem 30. Mai 1962, kamen wir auf Gleis 11 des Münchner Hauptbahnhofs an.
Und was soll ich sagen?
Ich war auf der Stelle enttäuscht.
Nach den Erzählungen der Heimkehrer bestand Deutschland praktisch ausschließlich aus blonden und hübschen Mädchen.
Doch als ich aus dem Zug stieg, sah ich nicht eine einzige.
Für einen kurzen Augenblick spielte ich ernsthaft mit dem Gedanken, den Irrtum rückgängig zu machen und wieder nach Hause zu fahren.
Doch dann dachte ich an meine Mutter.
Dieser Gedanke brachte mich augenblicklich zur Vernunft.
Also sagte ich mir:
„Na gut, dann eben vorwärts.“
Man brachte uns in den Bunker gegenüber der Herrentoilette am Gleis 11, reichte uns Bananen und Äpfel und nahm erneut unsere Personalien auf.
Anschließend holte uns ein Dolmetscher ab und brachte uns nach München-Moosach, wo sich die ganze Prozedur noch einmal wiederholte.
Danach mussten wir eine Schweißprobe ablegen.
Ich will nichts beschönigen:
Ich habe sie mit einer gewissen Gründlichkeit vermasselt.
Man verlangte von mir, vertikal über eine 90-Grad-Ecke zu schweißen – etwas, das ich bis dahin noch nie gemacht hatte.
Das Ergebnis waren einige sehr überzeugende Löcher im Metall.
Statt eines Schweißgeräts drückte man mir fürs Erste einen Besen in die Hand.
Gleichzeitig versprach man mir jedoch einen Schweißkurs und die entsprechende Stelle, falls ich ihn bestehen würde.
Genau so kam es später auch.
Mein Anfang in Deutschland war also alles andere als rosig.
Aber es gab eine Richtung.
Und in dieser Richtung lagen Möglichkeiten.
Ich musste sie nur ergreifen.
Das habe ich getan.

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