Oder: Wie das Schnarch Konzert meiner Mutter über mein Nachtleben entschied
Nach der Riesenpleite im Sommer und der legendären Ohrfeige meiner Mutter mitten auf der Tanzfläche war ich vorsichtiger geworden. Ich versuchte, sie nicht noch einmal zur Weißglut zu treiben, denn bis dahin hatte ich bereits genug öffentliche Demütigungen erlebt. Deshalb verlagerte ich meine Bekanntschaften lieber außerhalb von San Severino. Meiner Mutter traute ich inzwischen alles zu.
Bevor ich nach Deutschland auswanderte, besuchte ich bei der ENI in Matelica einen Lehrgang zum Elektroschweißer. Ziel war es, anschließend für ENI-Saipem in Gela auf Sizilien zu arbeiten. Drei Monate lang pendelte ich täglich zwischen San Severino und Matelica hin und her. Was ich verdiente, lieferte ich pflichtbewusst zu Hause ab.
In dieser Zeit lernte ich ein Mädchen aus der Gegend von Castelraimondo kennen. Auch sie fuhr jeden Tag nach Matelica zur Arbeit. Offenbar blieb das meiner Mutter nicht verborgen, oder irgendjemand fühlte sich berufen, ihr Bericht zu erstatten. Dazu kam, dass ich samstags und sonntags nur noch selten zu Hause war und meist lediglich zum Schlafen erschien.
Das missfiel meiner Mutter gewaltig.
Eines Tages tauchte sie plötzlich im Zug auf, während wir beide friedlich wie zwei Turteltauben zusammensaßen. Was dann geschah, ließ die Ohrfeige auf der Tanzfläche im Nachhinein fast harmlos erscheinen. Sie beschimpfte das Mädchen lautstark und beleidigte sie auf eine Weise, die mir heute noch leidtut. Auch ich verlor die Beherrschung und warf meiner Mutter Dinge an den Kopf, die ich besser nie gesagt hätte.
Später tat mir mein Ausbruch leid. Aber ich konnte diesen Übergriff nicht einfach hinnehmen. Ich erklärte ihr, dass ich sofort von zu Hause ausziehen würde, wenn sie nicht aufhörte. Das wirkte. Die ganze Szene war mir ohnehin peinlich genug, zumal viele Mitreisende uns kannten.
Aus diesen Vorfällen hatte ich gelernt.
Von da an sorgte ich dafür, dass in San Severino möglichst wenig von meinem Tun bekannt wurde.
So musste ich während der Faschingszeit wieder einmal in meine Trickkiste greifen.
Nach jedem Heimspiel am Sonntag hatte ich nämlich nur ein Ziel: tanzen gehen.
Unser Haus lag im Centro Storico von San Severino und besaß zwei Eingänge – den Haupteingang und einen Zugang über den Keller. Ich wusste genau, dass meine Mutter und ihr Mann sonntagabends gegen halb acht ins Bett gingen. Ihr Mann zuerst, sie etwa zehn Minuten später. Bevor sie schlafen ging, kontrollierte sie wie immer, ob alle Türen geschlossen waren. Dabei musste sie durch mein Zimmer gehen und warf jedes Mal einen Blick auf mein Bett.
Fünf Minuten später ging das Licht aus.
Ich legte mich, auch wenn es aus hygienischer Sicht höchst fragwürdig war, bereits vollständig angezogen ins Bett. Dann wartete ich auf das vertraute Schnarchkonzert meiner Mutter.
Das war mein Startsignal.
Ich stand auf, nahm meine Schuhe in die Hand, schlich in den Keller hinunter, öffnete vorsichtig die Tür, zog sie von außen lautlos wieder zu – und war verschwunden.
Fast den gesamten Fasching über funktionierte dieses System tadellos.
Doch dann kam der letzte Sonntag vor Faschingsdienstag.
Wie immer wartete ich auf das Schnarch Konzert und fuhr anschließend zum Tanz nach Taccoli, einer kleinen Fraktion etwa acht Kilometer entfernt. Ich wusste, dass ich spätestens um drei Uhr morgens mit dem Bus zurückfahren und gegen zwanzig nach drei wieder ordnungsgemäß im Bett liegen würde.
Doch diesmal spielte das Schicksal nicht mit.
Der Sammelbus hatte fast fünfundvierzig Minuten Verspätung. Per Anhalter versuchte ich ebenfalls mein Glück – vergeblich.
So kam ich erst gegen vier Uhr morgens nach San Severino zurück.
Und genau das war mein Pech.
Der Mann meiner Mutter arbeitete inzwischen bei der Gemeinde und begann seinen Dienst bereits um vier Uhr früh.
Kaum bog ich in die Via San Biagio ein, sah ich Licht im Haus brennen.
Es waren vermutlich die längsten hundert Meter meines Lebens.
Oben an der Treppe stand eine kleine Gestalt mit in die Hüften gestemmten Armen.
Allein dieser Anblick verhieß nichts Gutes.
Doch noch bevor sie den Mund öffnen konnte, sagte ich ziemlich gereizt:
„Lass mich bitte in Ruhe. Ich bin müde und gehe jetzt schlafen!“
Dann marschierte ich wortlos an ihr vorbei und legte mich ins Bett.
Danach herrschte im Haus vierzig Tage lang absolutes Schweigen.
Erst meine Zia Teresa schaffte es wieder einmal, Frieden zu stiften. Ab Ostern war das „Schweigen der Lämmer“ beendet.
Es sollte der letzte große Streit mit meiner Mutter bleiben.
Denn nur fünf Wochen später wanderte ich nach Deutschland aus.
Und damit endete nicht nur mein letzter Fasching in San Severino.
Es endete auch ein Kapitel meines Lebens.
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