🩳1958 – Die verschwundene Nylon-Shorts auf der Piazza del Popolo

Giancarlo

Als ich damals im Kinderheim in Ancona lebte, war mein Bruder Giancarlo längst in die Niederlande ausgewandert. In San Severino gab es kaum Arbeit, jedenfalls keine, von der man mit Würde hätte leben können. Wie viele andere war er nicht aus Abenteuerlust fortgegangen, sondern aus schierer Notwendigkeit.

Trotz der Entfernung kam er regelmäßig nach Hause zurück. Nach einem seiner Urlaubsaufenthalte hatte er einige persönliche Dinge zurückgelassen, darunter auch eine Nylon-Shorts aus Holland. Warum mich ausgerechnet dieses Kleidungsstück so faszinierte, weiß ich bis heute nicht genau. Vielleicht war es das Material, vielleicht der Duft der Fremde oder einfach die Vorstellung, etwas Besonderes zu besitzen – etwas, das aus einer anderen Welt kam.

Mutter Warnungen

Natürlich zog ich die Shorts sofort an. Meine Mutter warnte mich eindringlich:

„Mach die Hose bloß nicht kaputt, sie gehört deinem Bruder!“

Doch in meinem Kopf stand längst fest, dass ich mit diesen Shorts vor meinen Freunden auftauchen würde. Schließlich besaß ich etwas, das sie nicht hatten: eine Nylon-Shorts aus Holland. Das war für mich damals beinahe Weltläufigkeit zum Anziehen.

Die Osterferien gingen zu Ende, und ich musste zurück nach Ancona. Nur ein Gedanke beschäftigte mich: Wie sollte ich meinen Schatz mitnehmen?

Die Rückkehr nach Ancona

Am Morgen der Abreise machte ich mich mit meinem Koffer auf den Weg zur Piazza del Popolo, wo der Bus wartete. Kurz vor dem Ziel erschien plötzlich meine Mutter. Mit jener unfehlbaren Eingebung, die Mütter offenbar besitzen, wenn ein Sohn etwas im Schilde führt, riss sie mir den Koffer aus der Hand und verteilte mit beeindruckender Entschlossenheit meinen gesamten bescheidenen Hausstand über den Platz.

Sie suchte die Shorts meines Bruders. Hemden, Unterwäsche und Kleinigkeiten flogen über das Pflaster. Aber die Hose war nirgends zu finden.

Schimpfend und unverrichteter Dinge zog sie schließlich wieder ab.

Ich sammelte mit der Würde eines zu Unrecht Verdächtigten meine Sachen ein, stopfte alles zurück in den Koffer und stieg mit klopfendem Herzen in den Bus.

Du fragst dich jetzt vielleicht, wie das möglich war.

Ganz einfach:

Die Nylon-Shorts waren gar nicht im Koffer.

Ich trug sie längst unter meiner normalen Hose, sorgfältig verborgen wie einen Schatz, den mir niemand mehr entreißen konnte.

Ich hatte gewonnen

So musste meine Mutter unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren, während ich im Bus saß und meinen stillen Sieg genoss.

Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich lächeln.

Es war nur eine Hose, gewiss.

Aber damals war sie für mich viel mehr: ein Stück Freiheit, ein Hauch von Ferne und vielleicht auch der kindliche Beweis, dass man mit ein wenig Mut, List und Eitelkeit schon früh seine ganz eigenen Triumphe feiern kann.

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