🕺1962 – Allach, ein Maitanz und eine WalkĂĽre

Mein Anfang in Deutschland war, sagen wir es freundlich, kein Triumphzug. Eher das Gegenteil. Aber entmutigen ließ ich mich dadurch nicht. Dazu war ich viel zu neugierig – und, wenn ich ehrlich bin, auch ein bisschen zu stur.

Obwohl Rathgeber in Moosach ĂĽber ein Barackenlager aus Holz verfĂĽgte, wurden wir nach Allach gebracht. Dort bezogen wir ein groĂźes Zimmer mit fĂĽnf Stockbetten, die selbstverständlich bis auf den letzten Platz belegt wurden. Im Grunde war es wieder ein Dormitorium, nur etwas kleiner als das Auswanderungszentrum in Verona. Aber was soll’s – wir hatten ein Bett, ein Dach ĂĽber dem Kopf und damit schon fast Luxus.

Kaum hatte ich mich einigermaßen akklimatisiert, trieb mich meine Neugier hinaus. Und tatsächlich hatte ich Glück. Ich traf Nino, den ich aus dem Kinderheim in Ancona kannte. Er lebte bereits seit zwei Jahren in Deutschland und wohnte zusammen mit seinem Bruder privat. Ihre Wohnung war im Grunde eine umgebaute Garage – aber erstaunlich gemütlich. Das muss man auch erst einmal schaffen.

Nino zeigte mir ein wenig Allach, erklärte mir geduldig die ersten Besonderheiten des deutschen Lebens und ging anschließend mit mir in ein Lokal auf eine Cola. Damit hatte ich bereits die ersten Anhaltspunkte, wie man sich auch ohne Sprachkenntnisse halbwegs anständig durchs Leben bewegen konnte. Gegen neun Uhr verabschiedeten wir uns und versprachen, uns bald wiederzusehen.

Zurück im Lager erzählte ich meinen Zimmergenossen von meiner kleinen Entdeckungsreise und legte mich schlafen. Am nächsten Morgen musste ich nicht arbeiten – in Bayern war Feiertag. Mein erster Feiertag in Deutschland, und ich hatte noch nicht einmal richtig verstanden, wie man hier überhaupt lebte. Das fing vielversprechend an.

Natürlich hielt es mich nicht lange im Lager. Erneut zog ich los, um Allach zu erkunden. Die Gegend gefiel mir ausgesprochen gut. Ein kleiner Bach, viel Wald und grüne Wiesen – so etwas war ich aus meiner Heimat nicht gewohnt.

Vor einem Gasthaus entdeckte ich einen Aushang für einen „Maitanz“. Was „Mai“ bedeutete, wusste ich damals noch nicht so genau, aber das Wort „Tanz“ sprang mir förmlich entgegen. Sofort gingen bei mir alle Alarmglocken an – allerdings nicht aus Sorge, sondern aus Vorfreude. Mühsam entzifferte ich noch die Uhrzeit: von 17 bis 24 Uhr.

Damit war die Sache entschieden.

Mittags ging ich in das Lokal, in dem ich am Abend zuvor mit Nino gewesen war, und bestellte einen Teller Spaghetti. Sie schmeckten hervorragend und stärkten zusätzlich meinen Entschluss. Anschließend kehrte ich ins Lager zurück, ruhte mich etwas aus und verkündete meinen Zimmergenossen ganz nebenbei, dass ich am Abend zum Tanzen gehen würde.

Das Gelächter war gewaltig.

„Du kannst kein Wort Deutsch und willst tanzen gehen?“

Ihre Blicke sagten deutlich:

„Der Italiener hat nicht alle Tassen im Schrank.“

Aber das hielt mich natĂĽrlich nicht auf.

Punkt sechzehn Uhr holte ich meinen besten Anzug aus dem Koffer, zog ihn an und marschierte los. Das Lokal hieß „Zum Grünen Hahn“, und pünktlich um siebzehn Uhr begann ein Quartett live zu spielen.

Zunächst beobachtete ich das Geschehen aufmerksam. Ich wollte schließlich herausfinden, wie man in Deutschland überhaupt ein Mädchen zum Tanzen aufforderte. Es wurden immer drei Musikstücke gespielt, dann ging der Herr zur Dame, bat sie höflich zum Tanz, und alles wirkte erstaunlich geordnet. Fast wie ein militärisches Manöver.

Also beschloss ich, noch ein paar Runden abzuwarten und dann beherzt ins Geschehen einzugreifen.

Ein Mädchen hatte ich bereits ins Auge gefasst. Sie saß die ganze Zeit an ihrem Tisch und wurde von niemandem aufgefordert.

Während der Pause warf ich ihr einige Blicke zu. Sie erwiderte sie. Das genügte mir als internationales Verständigungssystem.

Als die Musik wieder begann, ging ich zu ihr und versuchte mit Händen, Füßen und italienischem Charme zu erklären, dass ich gerne mit ihr tanzen würde.

Sie verstand mich offenbar – oder sie war einfach mutig.

Jedenfalls stand sie auf.

Und während sie aufstand, wuchs sie.

Sie wurde immer größer.

Ich schätze, sie war fast zwei Meter groß, also mindestens einen Kopf größer als ich.

Kurz gesagt: Neben ihr wirkte ich wie ihr kleiner Bruder auf Wandertag.

Während wir tanzten, sprach sie ununterbrochen auf mich ein. Was sie sagte, weiß ich bis heute nicht. Mein deutscher Wortschatz bestand damals im Wesentlichen aus „Ja“ und „Nein“. Also antwortete ich je nach Gesichtsausdruck und hoffte auf das Beste.

Erstaunlicherweise funktionierte diese Methode ausgezeichnet.

Wir tanzten mehrmals miteinander, und ich empfand dieses Erlebnis als unglaublich befreiend. Bis heute sehe ich diese Szene vor mir:

Ein kleiner Italiener fordert eine germanische Walküre zum Tanz auf – und beide haben einen Riesenspaß.

In diesem Augenblick wusste ich:

Ich war angekommen.

Das Eis war gebrochen.

Beruflich war noch längst nicht alles in Ordnung, aber menschlich hatte ich den richtigen Weg eingeschlagen.

Denn die Gewohnheiten und Bräuche eines fremden Landes lernt man nicht aus Büchern kennen. Man muss sich hineinwagen – auch auf die Gefahr hin, sich dabei gelegentlich ein wenig lächerlich zu machen.

Ich war zufrieden mit mir.

Und das Erstaunlichste daran?

Es war gerade einmal mein erster Feiertag in Deutschland.Mein erster Feiertag in Deutschland

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