Wie ich Bayerisch lernte und trotzdem Fingerabdrücke abgab
Nach dem Tanz mit der Walküre in Allach eröffnete sich am 1. Juni 1962 ein neues Kapitel meines Lebens. Nur wusste ich damals natürlich nicht, wie lange dieses Kapitel dauern würde. Sicher war für mich nur eines: Meinen einjährigen Arbeitsvertrag wollte ich auf jeden Fall einhalten.
Zugleich musste ich vorsichtig sein, denn in Italien stand irgendwann auch meine Einberufung zum Militärdienst im Raum. Also musste ich mich beim Italienischen Konsulat in München erkundigen, was ich tun musste, um eine vorübergehende Befreiung zu erhalten – und vor allem, wie lange diese gelten würde.
Die Nachrichten, die ich dort erhielt, waren mehr als zufriedenstellend. Wenn ich einen gültigen Arbeitsvertrag vorlegen konnte, würde die Befreiung für zehn Jahre gelten – unter der Bedingung, dass mein jährlicher Aufenthalt in Italien nicht länger als 90 Tage dauerte.
Gleich am Samstag darauf packte ich meinen Arbeitsvertrag und meine Dokumente ein und fuhr in die Möhlstraße zum Italienischen Konsulat. Innerhalb einer Stunde war alles erledigt. Oder, wie man in Bayern zu sagen pflegt: Der Kas war biss’n.
Also, Franco, dachte ich mir, jetzt steht dir nichts mehr im Weg. Auf in den Kampf.
Ja, es wurde tatsächlich ein Kampf – aber nicht, weil ich etwas erobern wollte. Es war eher ein Kampf mit mir selbst und mit der neuen Welt, in die ich hineingeraten war. Ich hatte mir vorgenommen, mich an die Gepflogenheiten in Deutschland anzupassen, die Menschen kennenzulernen, ihre Mentalität zu verstehen und herauszufinden, wie ich mich am besten durchschlagen konnte.
Vor allem aber hatte eines absolute Priorität: die Sprache.
Das mit dem Sprachenlernen wurde ein Kapitel für sich. Ich kaufte mir ein Wörterbuch Italienisch–Deutsch und versuchte bereits in der Firma, mich damit verständlich zu machen. Doch meistens erntete ich nur Gelächter. Was mich besonders störte: Wenn man mit mir sprach, dann oft in gebrochenem Deutsch und fast immer im Infinitiv.
„Du kommen.“
„Du machen.“
„Du verstehen?“
Ja, ich verstand – zumindest, dass ich anscheinend noch viel zu lernen hatte.
Ein paar Wochen später fand ich heraus, dass das Gelächter nicht nur wegen meiner Aussprache kam. Der eigentliche Skandal war viel größer: Ich redete Hochdeutsch. Und das in München! Das war offenbar eine Todsünde. In München, ja überhaupt in Bayern, sprach man Bayerisch – und nicht dieses saubere Hochdeutsch aus dem Wörterbuch.
Also lernte ich meine erste Lektion: Ab sofort wird Bayerisch gelernt.
Einer der schwierigsten Kämpfe war allerdings nicht die Sprache, sondern das Essen. Was hier als Suppe serviert wurde, konnte ich mit meinen italienischen Essgewohnheiten kaum vereinbaren. Ich weiß bis heute nicht genau, wie ich es definieren soll. Aber das Auge isst bekanntlich mit – und meine Augen verweigerten damals häufig die Zusammenarbeit.
Also bestand mein Mittagessen oft aus Puffreis.
Puffreis war zwar keine kulinarische Offenbarung, aber er war harmlos, trocken, verständlich und stellte keine Fragen. Für einen jungen Italiener in Bayern war das manchmal schon ein großer Vorteil.
Wer mich langsam an die bayerischen Essgewohnheiten heranführte, war mein Bekannter aus Ancona, der Nino. Einmal fuhren wir von Allach mit dem Zug nach München. Am Hauptbahnhof kaufte er sich eine weiße Bratwurst, die er mit sichtbarem Genuss verspeiste.
Zu dieser Zeit litt ich ständig unter Hunger. Also dachte ich mir: Franco, sei kein Frosch, probiere es einfach.
Ich bestellte mir ebenfalls eine Bratwurst mit scharfem Senf.
Leute, was soll ich sagen: Es hat geschmeckt.
So begann mein langsamer Abschied vom Puffreis. Nicht sofort, nicht endgültig, aber immerhin: Der erste Schritt in Richtung bayerischer Ernährung war getan.
Der Sommer 1962 war wunderschön. Ich ging oft in Moosach spazieren, beobachtete die Straßen, die Menschen, die Häuser und versuchte, mich in dieser neuen Umgebung zurechtzufinden. Bei einem dieser Spaziergänge entdeckte ich in der Allacher Straße ein sehr nettes kleines Tanzlokal. Es wurde später zu meinem Stammlokal.
Bei einem anderen Spaziergang fand ich auf dem Weg eine Schülermappe. Im ersten Moment wusste ich nicht recht, was ich damit anfangen sollte. Dann dachte ich mir: Gib sie einfach bei der Polizei ab. So verbindest du das Nützliche mit dem Praktischen und tust auch noch etwas Gutes.
Also ging ich zur Moosacher Polizeistation.
Dort fragte ich einen Polizisten, wo ich die gefundene Mappe abgeben könne. Er sah mich etwas verwundert an und sagte in einem Deutsch, das ungefähr so gebrochen war wie meines:
„Du bleiben. Ich kommen sofort wieder.“
Na gut, dachte ich, dann bleibe ich eben.
Nach ein paar Minuten kam er zurück und sagte:
„Du kommen mit.“
Nun ja, mit ihm hatte ich noch keine Sau getrieben, aber ich ging trotzdem mit.
Dann kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Man führte mich in ein Zimmer, und dort nahm man mir die Fingerabdrücke ab.
Da fragte ich mich: Franco, was hast du bloß wieder angestellt?
Ich hatte niemanden ermordet, nichts gestohlen und wollte nur eine gefundene Schülermappe abgeben. Trotzdem saß ich plötzlich da wie ein Schwerverbrecher aus einem Kriminalfilm.
Warum diese Prozedur notwendig war, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben.
Vielleicht wollte man einfach sicher sein, dass der ehrliche Finder auch ordentlich registriert war. Vielleicht war es Vorschrift. Vielleicht verstand ich damals auch nur die Hälfte von dem, was mir erklärt wurde. Möglich ist alles.
Fest steht nur: Ich kam nach Deutschland, um zu arbeiten, Deutsch zu lernen und mich anzupassen. Am Ende lernte ich Bayerisch, überlebte dank Puffreis und Bratwurst – und bekam bei der Polizei meine ersten Fingerabdrücke abgenommen.
So fing mein neues Leben in München an: mit Wörterbuch, Hunger, gutem Willen und einem Erkennungsdienst, den ich gar nicht bestellt hatte.
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