Auch wir im Kinderheim blieben von der Asiatischen Grippe nicht verschont. Es war im September 1957, als die Grippewelle bei uns anrollte. Zuerst erwischte es nur einige wenige Kinder, doch gegen Ende des Monats hatte sie beinahe das ganze Heim im Griff â mich eingeschlossen.
Man brachte mich ins Krankenhaus nach Ancona, weil ich â angeblich â die typischen Symptome der Asiatischen Grippe hatte. Kaum dort angekommen, wurde ich schon weitergereicht: Plötzlich stand Gelbsucht im Raum, und ich landete in der dafĂŒr vorgesehenen Abteilung. So schnell kann man also in der Medizin die Abteilung wechseln, ohne auch nur den Koffer auszupacken.
Am nĂ€chsten Tag wurde ich erneut untersucht â und, oh Wunder, auf einmal stellte man fest, dass ich eine akute BlinddarmentzĂŒndung hatte. Damit war ich kurzerhand zur Operation freigegeben. Aus Grippe wurde Gelbsucht, aus Gelbsucht Blinddarm: Die Diagnose machte damals offenbar mehr SprĂŒnge als ich selbst.
Also, rekapitulieren wir kurz:
- Eingeliefert wegen Verdachts auf Asiatische Grippe.
- Neue Diagnose: Gelbsucht.
- Erneut untersucht â neue Diagnose: BlinddarmentzĂŒndung, sofortige Operation.
Was sollte ich als VierzehnjĂ€hrige von dieser kleinen medizinischen Odyssee halten? Ehrlich gesagt: gar nichts. Von Medizin verstand ich damals ĂŒberhaupt nichts â und wenn ich ganz offen bin, hat sich das bis heute nur in bescheidenen Grenzen geĂ€ndert. Immerhin kann ich inzwischen eine ErkĂ€ltung von einem Muskelfaserriss unterscheiden, aber damit endet meine Fachkompetenz auch schon. Also hegte ich damals keinen besonderen Zweifel an der italienischen Heilkunst und dachte mir nur: Die werden schon wissen, was sie tun. đ
Mein eigentlicher Hauptgedanke galt damals jedoch der kleinen HĂŒndin Laika, die mit Sputnik 2 um die Erde kreiste. Ich hoffte instĂ€ndig, dass ihr nicht Ăhnliches widerfahren möge wie mir: eine Reise ins Ungewisse, mit fraglichem Ausgang und der bangen Hoffnung, heil wieder zurĂŒckzukehren. Leider meinte es das Schicksal mit Laika weit weniger gnĂ€dig.
Nun ja â dieser Umstand und die Operation bescherten mir eine Rekonvaleszenz, die ich zu Hause in San Severino verbringen durfte. Im Nachhinein betrachtet war das fast schon der angenehmste Teil der ganzen Geschichte.
Etwa zehn Tage nach der Operation ging ich eines Tages zufĂ€llig an unserem Stadion vorbei, das damals noch offen und frei einsehbar war. Dort trainierten einige Jungen, etwas Ă€lter als ich, und es sah ganz danach aus, als finde gerade eine Sichtung fĂŒr angehende FuĂballer statt. Weil offenbar niemand im Tor stand, schlich ich mich kurzerhand hinein â ganz in Zivil, wie ich war. In diesem Moment dachte ich natĂŒrlich keinen Augenblick an die frische Operation. Ich war mit vollem Ernst bei der Sache und offenbar gar nicht so schlecht.
WĂ€hrend meiner Genesung ging ich viel spazieren. Eines Tages kam ich am Stadion von San Severino Marche vorbei, wo die Settempeda spielte. Als ich den Jungen beim FuĂballspielen zusah, bemerkte ich, dass dort gerade ein Probetraining stattfand.
Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und nĂ€herte mich langsam dem Tor, in dem gerade kein Torwart stand. SchĂŒchtern fragte ich, ob ich mich hineinstellen dĂŒrfe. Die Antwort war mehr als positiv, und so spielte ich â genau so angezogen, wie ich war â einfach mit und begeisterte die anderen Spieler mit meinen Paraden.
Denn kurz darauf wurde ich von Renato angesprochen, einem damals in den Marken bekannten MittelstĂŒrmer der Sanbenedettese, die in der zweiten italienischen Liga spielte. Er fragte mich, wo ich eigentlich spiele. Ich antwortete nur, in Ancona, in unserer Heimmannschaft. Daraufhin sprach mich jemand von der SS Settempeda an und fragte, ob ich mich nicht dem Verein anschlieĂen wolle. Leider musste ich ablehnen, denn ich hatte gerade meine Fachschule in Ancona begonnen und wollte sie unbedingt zu Ende bringen. Vor 1960 konnte ich also nicht in San Severino spielen. So begann meine kurze, aber intensive FuĂballkarriere â und ich brachte es immerhin auf einen Marktwert von 5.000.000 Lire, was heute ungefĂ€hr 32.500 Euro entsprĂ€che. Nicht schlecht fĂŒr jemanden, der kurz zuvor noch zwischen Grippe, Gelbsucht und Blinddarm hin- und her diagnostiziert worden war.
Als ich nach Hause kam, musste ich mir erst einmal die Predigt meiner Mutter anhören, weil meine Kleider so schmutzig waren. Ich erfand eine kleine NotlĂŒge und behauptete, ich sei gestolpert und in eine WasserpfĂŒtze gefallen. Nun ja â damit gab sie sich zufrieden. Zum GlĂŒck fragte sie nicht nach, sonst hĂ€tte ich vermutlich noch erklĂ€ren mĂŒssen, wie man frisch operiert zufĂ€llig im Tor eines FuĂballplatzes landet.

Schreibe einen Kommentar