1962 – Als das Schicksal im Gepäckraum mitfuhr

Die versteckte Frau im Bus

Manchmal merkt man erst viel später, dass scheinbar kleine Begegnungen das eigene Leben in eine neue Richtung schieben. Damals wusste ich das natürlich nicht. Ich war jung, fremd in Bayern, voller Hoffnung und ebenso voller Fragezeichen. So verging die Zeit, und ich lernte, mich in meiner neuen Welt zurechtzufinden – manchmal mit offenen Augen, manchmal mit offenem Mund.

Besonders die bayerische Mentalität stellte mich anfangs vor Rätsel. In meinen italienischen Ohren klangen manche Ausdrücke weniger nach Begrüßung als nach einer Kriegserklärung. Doch je länger ich blieb, desto mehr verstand ich: Die Bayern waren den Neapolitanern gar nicht so unähnlich. Außen manchmal rau wie eine alte Brotrinde, innen aber weich, herzlich und voller Humor. Dieser Vergleich begleitet mich bis heute.

Und der Dialekt? Ach, der Dialekt war ein Kapitel für sich. Ich kam sehr gut damit zurecht – indem ich zunächst überhaupt nichts verstand. Trotzdem gab ich nicht auf. Ich hörte zu, wiederholte tapfer und machte dabei vermutlich Geräusche, die weder dem Italienischen noch dem Bayerischen eindeutig zuzuordnen waren.

Heute darf ich mit gewissem Stolz sagen: Ich spreche Italienisch, Deutsch, ein bisschen Englisch – und fast fehlerfrei Bayerisch, zumindest nach zwei Gläsern Bier. Mein großer Einstiegssatz war „Oachkatzlschwoaf“, also „Eichhörnchenschwanz“. Wer dieses Wort aussprechen kann, ist in Bayern schon halb eingebürgert. Mein Bayerisch war voller Fehler, aber voller guter Absicht. Und weil gute Absicht manchmal komischer klingt als jeder Witz, brachte ich die Leute oft zum Lachen.

Aus dem Schunkellied „Auf und nieder, immer wieder“ machte ich einmal: „Auf Martina, immer nieder, hamma’s gestern, machma’s heit, ha?“ Sprachlich war das fragwürdig, stimmungsmäßig aber ein voller Erfolg.

Im Café Harmony feierte ich meinen 19. Geburtstag. Schon der Name klang nach Musik, Tanz und großen Gefühlen – und tatsächlich wurde dieser Abend wieder einmal zu einem kleinen Schicksalstag. Dort lernte ich Karin kennen. Es wurde eine kurze, aber intensive Beziehung, aus der später ein Kind hervorging.

Aber der Reihe nach.

Bis dahin hatte ich noch keine Freundin gehabt, und entsprechend groß war meine Freude, Karin kennenzulernen. Sie gab mir Mut, Leichtigkeit und zusätzliche Motivation, meine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Allerdings gab es da noch eine Macht, gegen die selbst jugendlicher Optimismus nicht immer ankam: ihre Mutter.

Karins Vater war im Zweiten Weltkrieg gefallen. Ihre Mutter musste arbeiten, um den Lebensunterhalt zu sichern, und war ebenfalls bei Rathgeber im Personalbüro beschäftigt. Ich vermute, sie wünschte sich für ihre Tochter eine verlässliche, überschaubare Zukunft – und nicht ausgerechnet einen jungen italienischen Gastarbeiter, der zwar Herz, Hoffnung und Temperament mitbrachte, aber noch keinen sicheren Platz in dieser Welt hatte.

Das verletzte und ärgerte mich oft. Vor allem dieses Denken in Schubladen, in die man gesteckt wurde, bevor man überhaupt richtig Guten Tag gesagt hatte. Viele ältere Menschen hatten eine schwere, unsichere Zeit erlebt; ihre Vorsicht war nicht grundlos. Aber manchmal wurde aus Vorsicht Misstrauen, und aus Misstrauen ein Urteil. Alles, was nicht in die vertraute Ordnung passte, wurde erst einmal kritisch beäugt. Wir hingegen waren jung, verliebt, ungeschickt und überzeugt, dass sich mit ein bisschen Mut und einem Lächeln schon alles richten würde. Ganz so einfach war es natürlich nicht.

Was uns sogenannten „Gastarbeitern“ damals an Vorurteilen begegnete, war nicht immer leicht zu ertragen. Manche Worte waren hart, manche Blicke noch härter. Am Ende blieb oft nur die Wahl: den Koffer packen und zurückgehen oder die Zähne zusammenbeißen und weitergehen. Ich entschied mich für das Weitergehen. Nicht immer elegant, nicht immer ohne Stolpern – aber ich ging weiter. Und ich habe überlebt.

Dann kam mein erstes einsames Weihnachten in Deutschland.

Ich gebe es offen zu: Die Sehnsucht nach meinen Großeltern in Rom saß mir im Herzen wie ein kleiner Stein im Schuh – nicht lebensgefährlich, aber bei jedem Schritt spürbar. Am Heiligabend fuhr ich noch nach München, besuchte eine Mitternachtsmesse und verschlief den 25. Dezember beinahe vollständig. Man könnte sagen: Ich feierte Weihnachten im Energiesparmodus.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag kehrte die Freude zurück. Das Café Harmony öffnete wieder seine Türen, die Musik spielte, und plötzlich war die Welt nicht mehr ganz so schwer. Mit Karin verbrachte ich einen wunderschönen Abend. Irgendwann fragte sie mich, ob ich vom 29. Dezember 1962 bis zum 1. Januar 1963 mit nach Südtirol fahren wolle.

Ich sagte so begeistert zu, als hätte man mir eine Reise ins Paradies angeboten – nur mit Busfahrt und wahrscheinlich weniger Engeln.

Am Samstagmorgen gegen 7 Uhr starteten wir in München-Moosach. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, waren auch „die drei lustigen Moosacher“ dabei. Schon dieser Name versprach, dass der Silvesterabend nicht in stiller Andacht enden würde. Sie sollten für Stimmung sorgen – und sie taten es mit der Sicherheit von Menschen, die genau wussten, wie man einen Saal zum Schunkeln bringt.

Die Fahrt führte über die Inntalautobahn bis Innsbruck und dann weiter über die alte Brennerstraße nach Italien. Die Europabrücke war damals noch nicht fertiggestellt; der Weg über die Berge hatte deshalb noch etwas Abenteuerliches, als würde man nicht nur eine Grenze, sondern gleich ein kleines Stück Weltgeschichte überqueren.

In Matrei bat der Busfahrer alle Reisenden, Pässe oder Kennkarten bereitzuhalten. Da ging plötzlich eine Frau ganz blass nach vorne und gestand, dass sie weder Pass noch Kennkarte bei sich hatte. Für einen Moment wurde es still im Bus. Die Grenze lag vor uns, die Dokumente fehlten, und die Stimmung bekam einen sehr amtlichen Unterton.

Der Busfahrer aber blieb erstaunlich ruhig. Er sagte ihr, sie solle sich erst einmal beruhigen, man werde schon eine Lösung finden. Und tatsächlich: Etwa einen Kilometer vor dem Brennerpass hielt er auf dem letzten Parkplatz an und bat die Frau, sich im Gepäckraum des Busses zu verstecken. Sobald wir über der Grenze seien, würde er sie wieder herausholen. Zusätzlich gab er ihr noch genaue Anweisungen für den Notfall.

Das war keine gewöhnliche Reiseleitung mehr – das war Operette mit Zollkontrolle.

Alles ging gut. Die italienischen Finanzieri und Carabinieri bemerkten nichts, und unsere geheime Mitreisende konnte nach der Grenze wieder ans Tageslicht. Für die Rückfahrt war vorgesehen, dass sie am Aufenthaltsort bei der örtlichen Polizei eine Verlustanzeige wegen ihres Passes erstattete. So konnte sie später ganz offiziell und unbehindert zurückreisen – diesmal hoffentlich auf einem Sitzplatz und nicht zwischen Koffern.

In Bozen kamen wir an der Seilbahn nach San Genesio, also Jenesien, an und fuhren gruppenweise hinauf. Oben erwartete uns das Hotel Schönblick – ein altes, wunderschönes Holzhotel mit umlaufendem Balkon und einem Blick, der seinen Namen wirklich verdiente: Bozen lag unter uns, dahinter die Dolomiten und die Seiser Alm, als hätte jemand eine Postkarte zum Leben erweckt.

Nachdem Menschen, Koffer und Instrumente wohlbehalten oben angekommen waren, schafften wir es sogar noch rechtzeitig zum Mittagessen.

Am Nachmittag fuhren wir mit Pferdeschlitten zu verschiedenen Hütten rund um den Salten, dieser herrlichen Hochebene mit ihren Latschenkiefern und der klaren Winterluft. Überall wurde ein kleiner Umtrunk gereicht, und so kamen wir gegen 16:30 Uhr wohlgelaunt ins Hotel zurück.

Nur ich hatte plötzlich ein Problem: Beim Bezahlen bemerkte ich, dass mein Geldbeutel fehlte.

In meiner Erinnerung sah ich ihn noch ganz deutlich beim letzten Halt – nicht in meiner Tasche, wo er hingehört hätte, sondern auf einem Fensterbrett, wo er überhaupt nichts zu suchen hatte. Der Kutscher überlegte nicht lange, bat Karin und mich wieder Platz zu nehmen, und wir fuhren zurück.

Und tatsächlich: Der Geldbeutel wartete noch dort, als hätte er sich nur kurz die Landschaft ansehen wollen. Aus Dankbarkeit spendierte ich dem Kutscher ein Gläschen Schnaps. So kehrten wir erleichtert zurück – ich mit Geldbeutel, der Kutscher mit Schnaps und Karin vermutlich mit der Erkenntnis, dass das Leben mit mir nie ganz langweilig werden würde.

Der Silvesterabend wurde wunderbar. Es gab ein festliches Dinner, das Trio brachte den Saal zum Beben, und um Mitternacht knallten die Korken. Für einen Augenblick war alles leicht: die Musik, das Lachen, das neue Jahr, das vor uns lag. Man dachte nicht an Sorgen, nicht an Vorurteile, nicht an Heimweh. Man war einfach da – jung, lebendig und bereit für das, was kommen sollte.

Am nächsten Tag fuhren wir gegen 13 Uhr zurück nach München. Ich war glücklich und zufrieden nach einem Jahreswechsel, der schöner kaum hätte sein können.

Wenn ich heute daran denke, sehe ich nicht nur den Bus, die Berge, das Hotel und diese wunderbare Mischung aus Musik, Schnee und jugendlicher Unbekümmertheit vor mir. Ich sehe auch den jungen Mann, der ich damals war: voller Sehnsucht nach der Heimat, voller Hoffnung auf ein neues Leben, manchmal etwas tollpatschig, aber immer bereit, dem Schicksal die Hand zu geben – auch wenn es in jenem Winter offenbar im Gepäckraum mitfuhr.

Vielleicht war genau das die Lehre jener Tage: Das Leben fragt selten nach Papieren, Plänen oder perfekter Vorbereitung. Es steigt einfach ein, setzt sich neben einen – oder versteckt sich zwischen den Koffern – und nimmt einen mit.

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