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  • 20.08.2026 – Der Pizza und Laptop-Tag

    20.08.2026 – Der Pizza und Laptop-Tag

    Meine Ungeduld

    Nach gut 24 Stunden konnte ich es einfach nicht mehr aushalten: Der Laptop musste eingeschaltet werden. Schließlich hatte ich noch zwei Tage nachzuholen, und meine Ungeduld trommelte schon mit beiden Händen auf den Tisch. Umso größer war meine Enttäuschung, als klar wurde: Der Laptop war noch lange nicht in trockenen Tüchern – eher im Gegenteil, er hatte innerlich offenbar noch ein kleines Mittelmeer zu bewältigen.

    In meinen Zweifeln lief ich direkt zu Antonio und fragte, ob es in Porto San Giorgio ein Computergeschäft gäbe, wo ich eine externe Tastatur kaufen könnte. Er nannte mir OK Computer in der Corso Giuseppe Garibaldi 129. Der Inhaber, so versicherte er mir, sei sehr kompetent – und in diesem Moment klang „kompetent“ für mich fast wie „heiliggesprochen“.

    Ich nahm meinen Laptop und fuhr sofort los. Nach ungefähr einer Viertelstunde fand ich den Laden, schilderte dem Inhaber mein Problem, und er nickte mit jener Ruhe, die nur Menschen besitzen, die schon viel Schlimmeres gesehen haben als eine nasse Tastatur. Er sagte, er werde sich das Ganze anschauen; ich solle in zwei Stunden zurückkommen, denn bis dahin sei das Problem gelöst. Und sollte die Tastatur nicht mehr funktionieren, könnten wir immer noch eine externe anschließen. Also gab ich Christine Bescheid, erledigte die Besorgung und machte mich wieder auf den Weg. Gesagt, getan.

    Italienische Terminverschiebung

    Kurz nach 12:00 Uhr tauchte ich wieder im Laden auf, musste aber erfahren, dass der Laptop noch nicht fertig war, weil sich Wasser auch im Inneren des Geräts ergossen hatte. Der Inhaber schlug mir vor, erst gegen 16:30 Uhr wiederzukommen, denn bis dahin, so meinte er, hätte er sicher alles in Ordnung gebracht. Enttäuscht fuhr ich zurück in die Ferienwohnung. Wir aßen zu Mittag und suchten nach der Lösung, die am besten passen könnte – wobei die beste Lösung in diesem Moment natürlich gewesen wäre, wenn der Laptop von allein trocken geworden wäre und sich entschuldigt hätte.

    Christine und meine Enkelin fuhren zum Strand. Wir vereinbarten, dass sie bis 18:00 Uhr zurück sein sollten, damit ich bis 18:30 Uhr den Laptop holen konnte. Natürlich verständigte ich den Geschäftsinhaber vorher, dass ich erst um 18:30 Uhr kommen würde. In Italien ist eine Uhrzeit ja manchmal mehr eine höfliche Empfehlung als eine militärische Anweisung.

    Der Mann von OK Computer hatte gute Arbeit geleistet. Die Tastatur meines Laptops musste im Prinzip ausgetauscht werden, aber bis dahin konnte ich mit einer externen Tastatur weiterarbeiten. Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich sie austauschen lassen. Preiswert war es außerdem: Die Reinigung des Laptops kostete 20,- €. Für einen fast ertrunkenen Computer war das beinahe ein Wunderheilungstarif.

    Der Tag war gerettet.

    Am Abend hatten wir nichts Besonderes vor, sondern bekochten uns selbst. Sabine hatte uns bei unserer Ankunft selbstgemachte passierte Tomaten überreicht, und ich muss sagen: Respekt! Das war eine wirklich unverfälschte Tomatensauce, nicht nach Chemie schmeckend, sondern nach Sonne, Garten und Geduld. Sie passte wunderbar zu unseren Tagliatellen aus Campofilone. So verlängerten wir den Abend aus der 5 Ragazze gewissermaßen in unserer eigenen Küche weiter.

    Zu unserer Überraschung hatte Antonio seinen Holzkohleofen angezündet. Ich muss sagen, ich hatte schon lange keine solche Prozedur mehr verfolgt. Das Feuer, der Duft, die glühenden Steine – alles erinnerte mich sofort an Altamura und an den Forno der Familie Palasciano, die Familie meiner Oma. In Altamura war es damals Brauch, und heute ist davon noch immer etwas lebendig, dass Bauern und Familien ihre Brote zum Bäcker brachten, damit sie dort im großen Ofen gebacken wurden.

    Das Brot von Altamura war nicht einfach Brot. Es war ein gelber, duftender, stolzer Laib aus Hartweizengrieß, mit einer Kruste, die beim Anschneiden so knackte, als würde sie eine kleine Ansprache halten. Innen war es weich, warm und goldig, und wenn man die Nase darüber hielt, roch man nicht nur Mehl und Hefe, sondern ein ganzes Stück Heimat. Manchmal glaube ich, dieses Brot hatte mehr Charakter als mancher Mensch: Es war bodenständig, kräftig, etwas stur, aber immer ehrlich. Und wenn es frisch aus dem Ofen kam, wurde in der Familie plötzlich jeder höflich – zumindest so lange, bis die erste Scheibe verteilt war.

    Natürlich waren die Laibe mit einer eigenen Kennung gezeichnet, damit man sie später wiedererkennen konnte. Jeder hatte sein Zeichen, fast wie ein Familienwappen aus Teig. Die Erwachsenen spannten damals ein Maultier vor den Karren, und die Brote wurden zu den entfernten Bauernhöfen und Familien geliefert. Wir Kinder durften natürlich als Beifahrer mitfahren. Es war immer ein Riesenspaß: Wir saßen da wie kleine Könige auf Rädern, bewachten die duftende Fracht und taten so, als wäre die ganze Versorgung Apuliens von uns abhängig. Das Maultier kannte den Weg besser als wir alle zusammen und hatte dabei eine Gelassenheit, die man heute wahrscheinlich als Lebensphilosophie verkaufen könnte.

    Antonios Pizza einfach lecker.

    Nachdem der Stein des Ofens fast geglüht hatte, bei ungefähr 500 bis 550 Grad, machte Antonio die erste Pizza fertig. Garniert wurde sie nur mit Naturtomaten, selbstgemachter Mozzarella und anderen natürlichen Produkten. Er sagte, diese Pizza sollten wir mitnehmen. Als sie im Ofen lag, konnte man direkt zuschauen, wie sie innerhalb von eineinhalb Minuten gar wurde. Es war herrlich anzusehen, wie aus einem weichen Teig eine feste, duftende Pizza wurde – eine kleine Verwandlung, beinahe wie Zauberei, nur mit mehr Mozzarella.

    Wir saßen danach auf unserer kleinen Loggia und genossen den Abend bei Tagliatellen, Pizza und Barbera d’Asti. Der Laptop war gerettet, das Essen war wunderbar, und die Erinnerung an Altamura saß mit am Tisch, als hätte sie heimlich ihren eigenen Stuhl mitgebracht.

    Fazit des Tages: Nie verzweifeln. Für jede Hürde gibt es eine Lösung – manchmal heißt sie OK Computer, manchmal externe Tastatur, und manchmal duftet sie einfach nach Brot aus Altamura.

  • 18.08.2026 – An der Grenze zu                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Marken und Abruzzen

    18.08.2026 – An der Grenze zu Marken und Abruzzen

    Es ist nicht üblich, wenn man ans Meer fährt, um Urlaub zu machen, den ersten Tag nicht am Meer zu verbringen. Doch genau so begann unsere Reise: Um keine Fotorechte im Buch „Meine Marken“ zu verletzen, führte uns der Vormittag zunächst über die A14 nach San Benedetto del Tronto und von dort weiter über die Schnellstraße nach Ascoli Piceno beziehungsweise Castel Trosino – einem alten langobardischen Borgo an der Grenze zwischen den Marken und den Abruzzen.

    Castel Trosino ´

    Es ist immer wieder beeindruckend, einen solchen Borgo mit seinen alten Strukturen und Geschichten zu besuchen. Schon der Eingang, mit seinem massiven, sehr gut erhaltenen schwarzen Holztor, erweckt den Eindruck, als trete man in eine andere Welt ein. Die charakteristischen Steinhäuser, die viele Jahrhunderte überdauert haben, stehen dort wie stumme Zeitzeugen einer längst vergangenen Epoche, während die schmalen, engen und faszinierenden Gassen dich einladen, immer weiterzugehen.

    Leider wirst du bald wieder in die Realität zurückgeholt: Nach einer kurzen Strecke gelangst du auf einen kleinen, namenlosen Platz. Dort befindet sich eine kleine, in ihrer Struktur sehr hübsche Bar mit Restaurant, in der bei dieser Hitze – 30 Grad im Schatten – ein kühles Getränk wahre Wunder vollbringt. Ich möchte hier niemanden an den Pranger stellen, aber die junge Dame, die bediente, muss an diesem Tag wohl mit dem linken Fuß aufgestanden sein.

    Anschließend liefen wir weiter bis zur Kirche San Lorenzo Martire. Leider war sie geschlossen, doch rechtsherum konnte man noch ein Stück entlanggehen. So gelangt man an einen kleinen Bereich neben der Kirchenwand, wo einige Säulen und Steine liegen – unscheinbar vielleicht, fast so, als seien sie zufällig dort hingefallen. Und tatsächlich sieht so, auf den ersten Blick genauso aus.

    Hinter der Kirche eröffnet sich ein stiller, eindrucksvoller Blick: Neben dem mächtigen Glockenturm sieht man den darunterliegenden kleinen Stausee. Wenn man in Castel Trosino steht, spürt man an diesem Ort besonders deutlich, wie eng Geschichte, Landschaft und Ruhe miteinander verbunden sind.

    Mittagsessen bei Peppe lu Brii

    Im Anschluss fuhren wir noch etwa zwei Kilometer weiter und kehrten bei Peppe lu Bbrì zum Mittagessen ein. Wir bestellten Tagliatelle ai Funghi – mit Steinpilzen und verschiedenen anderen Pilzen –, serviert in sehr reichlichen Portionen. Danach nahmen wir Fritto misto ascolano, bestehend aus Lammkotelett, Olive all’ascolana und Cremini fritti. Dazu gab es Kartoffeln aus dem Backofen und einen gemischten Salat; als Getränke wählten wir Acqua gassata und einen halben Liter Rotwein.

    Danach fuhren wir weiter nach Cà Nic. Ich zog mich gegen 15:00 Uhr zur Mittagsruhe zurück, während meine Enkelin und Christine endlich zum lang ersehnten Baden ans Meer aufbrachen.

    Den Abend verbrachten wir schließlich auf der kleinen Terrasse, begleitet von einer angenehm sanften Brise, die nach einem warmen Tag wie ein leises Geschenk wirkte.

    So konnten wir am Ende sagen: Es war ein rundum gelungener Urlaubstag.

  • Meer, Strände und Dolce far niente

    Meer, Strände und Dolce far niente

  • Spirituelle Orte

    Spirituelle Orte

  • ⚽ 1961 – Nando, il centravanti con due scarpe sinistre

    ⚽ 1961 – Nando, il centravanti con due scarpe sinistre

    Il primo Ingaggio

    All’epoca giocavo nella S.S. Settempeda, allenata da mister Pin: un uomo che, probabilmente, ingoiava più disciplina a colazione di quanta noi tutti riuscissimo a metterne insieme in campo.

    All’inizio della stagione ero soltanto la seconda scelta, perché un giocatore arrivato dal Camerino mi aveva soffiato il posto da titolare. Ma, a dire il vero, non potevo lamentarmi.

    Gli allenamenti erano divertenti, la piccola indennità mensile arrivava puntuale e, quando venivo convocato, ricevevo anche il premio partita. Succedeva abbastanza spesso, anche se qualche volta restavo in panchina o facevo il guardalinee.

    In quella vita da riservista, però, non ero solo. C’erano anche altri ragazzi di San Severino, tra cui Nando.

    Fisicamente era un atleta modello: alto, robusto, agile e dotato di un fisico eccezionale. In breve, sembrava nato più per l’atletica leggera che per il calcio.

    Quanto al pallone… diciamo semplicemente che non gli mancava l’ottimismo.

    Ci allenavamo comunque come se la nostra vita dipendesse da quello. Tre volte alla settimana correvamo, sudavamo e soffrivamo.

    Anche noi riservisti aspettavamo, domenica dopo domenica, la nostra occasione. Per me arrivò già a gennaio; per Nando ci volle fino a maggio.

    Quando mister Pin annunciò che la domenica successiva, contro il Monte San Giusto, Nando sarebbe partito titolare, per lui fu subito chiaro: non era una semplice partita.

    Era la sua finale dei Mondiali, il suo momento personale da Pelé.

    L‘ urlo di Nando nel Pulmann

    La domenica mattina partimmo alle dieci. L’autobus aveva appena lasciato Piazza del Popolo quando qualcuno gridò all’improvviso:

    «Fermi! Devo tornare a casa: ho dimenticato le scarpe da calcio!»

    Naturalmente era Nando.

    Per fortuna abitava poco lontano, così l’autobus fece una rapida deviazione e si fermò davanti a casa sua.

    Pochi minuti dopo Nando era di nuovo a bordo e noi pensammo:

    «Peggio di così, oggi, non può andare.»

    Ma non avevamo fatto i conti con Nando.

    Nando aveva prelevato due scarpe sinistre

    Poco prima della partita, nello spogliatoio, lanciò di nuovo un urlo:

    «Ragazzi… ho portato due scarpe da calcio sinistre!»

    Per un istante calò un silenzio assoluto. Poi scoppiammo tutti a ridere.

    Ma la cosa più bella fu proprio la reazione di Nando. Superato il primo momento di disperazione, tornò a sorridere e disse:

    «Va bene, allora giocherò con due scarpe sinistre. Magari riuscirò almeno a confondere il portiere!»

    A quel punto ogni traccia di nervosismo scomparve.

    Ridemmo fino alle lacrime, non di lui, ma con lui. Perché Nando era proprio così.

    Rete, Rete, 1:0 per la Settempeda

    E poi il calcio, ancora una volta, scrisse una delle sue storie.

    Passammo davvero in vantaggio per 1-0.

    Il marcatore?

    Naturalmente Nando.

    Sì, proprio lui: Nando, l’uomo con le due scarpe da calcio sinistre.

    Ancora oggi non so con quale piede abbia segnato. E forse è meglio così: certi miracoli non devono essere osservati troppo da vicino.

    La partita finì 1-1. Purtroppo subimmo il gol del pareggio su calcio di rigore e non riuscimmo a vincere.

    Ma di quella giornata è rimasto qualcosa di molto più bello.

    Non il risultato.

    Non la classifica.

    Ma l’emozione di quel giorno, la fermata dell’autobus davanti a casa sua, quell’urlo nello spogliatoio e Nando, capace di rendere possibile l’impossibile con due scarpe da calcio sinistre.

    Quando ci penso oggi, mi viene ancora da ridere. Ma è una risata che nasce dal cuore e lo riempie di gioia: una di quelle risate che soltanto i ricordi del passato sanno regalare.

    E se lassù esiste davvero un Dio del calcio, quel giorno deve aver dato una piccola spinta al destino.

    Se Nando non fosse riuscito comunque a scendere in campo, il suo sogno mondiale sarebbe svanito e noi non avremmo mai vissuto uno degli aneddoti più allegri – e, in quel momento, più tragici – della nostra giovinezza.

  • 1962 – Die Ohrfeige auf der Tanzfläche

    1962 – Die Ohrfeige auf der Tanzfläche

    Es war ein herrlicher Sonntag, wie man ihn aus italienischen Sommern kennt: Sonne satt, Fußball am Nachmittag, volle Ränge und begeisterte Fans. Das Sahnehäubchen war ein 3:0-Sieg, der unseren Verbleib in der Campionato d’Eccellenza – damals noch Promozione – sicherte.

    Nach dem Abpfiff zog ich noch mit einigen Spielern in unsere Stammbar. Dort trank ich – ganz unitalienisch – keine heiße, sondern ausnahmsweise eine kalte Milch. Gegen 17 Uhr ging ich ins Vereinsbüro, um meine Siegprämie abzuholen. Um halb sechs war ich wieder zu Hause, überreichte meiner Mutter pflichtbewusst die 5.000 Lire und bekam im Gegenzug mein wöchentliches Taschengeld: 1.000 Lire.

    Schon damals staunte ich, mit welcher Eleganz sie mein Geld zu ihren Gunsten umverteilen konnte. Aber gut – Mütter haben bekanntlich ihre eigene Finanzpolitik.

    Da sie sich an diesem Tag nicht besonders wohlfühlte, würde das Abendessen erst gegen 20 Uhr fertig sein. Also beschloss ich, noch kurz auf die Piazza zu gehen. Beim Hinausgehen bat sie mich, ihr eine kleine Packung Aspirin mitzubringen.

    Natürlich sagte ich zu.

    Und ahnte nicht, dass mir genau dieses „natürlich“ später noch um die Ohren fliegen würde.

    Als ich auf der Piazza ankam, war sie erstaunlich leer. Da fiel mir ein, dass in der Siedlung neben meiner alten Volksschule die Bar unserer Nachbarin Antonietta und ihres Bruders Peppe lag. Dort wurde an diesem Abend getanzt.

    Also machte ich mich auf den Weg, um die Lage zu prüfen – rein wissenschaftlich natürlich.

    Was soll ich sagen?

    Meine Freunde waren da.

    Viele Mädchen auch.

    Und damit war jede weitere Vernunft offiziell außer Dienst.

    Es war die Zeit von Brenda Lee, Paul Anka, Connie Francis, Ray Charles, Elvis Presley, Chuck Berry und Bill Haley. Für uns war das nicht nur Musik, sondern ein Lebensgefühl.

    An diesem Abend vergaß ich vor lauter Tanzbegeisterung alles um mich herum. Ich war glücklich, sorgenfrei und überzeugt, dass so ein Abend mit Freunden eigentlich nie enden dürfte.

    Irgendwann war es dunkel geworden, doch ich schwebte immer noch im Tanzhimmel – völlig ohne Zeitgefühl und mit großem Vertrauen darauf, dass sich Probleme vielleicht von selbst erledigen würden.

    Mitten im Gedränge spürte ich plötzlich ein Klopfen auf der Schulter.

    Zuerst dachte ich an ein Versehen.

    Doch ein zweites, deutlich energischeres Klopfen holte mich schlagartig zurück in die Wirklichkeit.

    Ich drehte mich um.

    Und im selben Augenblick landete eine saftige Ohrfeige.

    Vor mir stand meine Mutter.

    1,50 Meter konzentrierte Entschlossenheit.

    Ich war damals schon 1,72 Meter groß, also musste sie für diesen Treffer vermutlich mehr Einsatz zeigen als ich auf dem Fußballplatz.

    Wütend fragte sie:

    „Weißt du, wie spät es ist?“

    Und natürlich wusste ich in diesem Moment vor allem eines:

    Sie hatte recht.

    Ich hatte weder das Aspirin besorgt noch war ich pünktlich zum Abendessen erschienen.

    Mir blieb also nichts anderes übrig, als mich kurz zu meiner Tanzpartnerin umzudrehen und höflich zu sagen:

    „Warte bitte einen Moment, ich komme gleich zurück.“

    Ein Satz, dessen optimistische Kühnheit mich im Rückblick selbst beeindruckt.

    Der Heimweg bestand dann allerdings weniger aus Romantik als aus einer lückenlosen Schimpftirade.

    Und das Mädchen von der Tanzfläche habe ich nie wiedergesehen.

    Ich hoffe nur, dass sie dort nicht bis heute auf meine Rückkehr wartet.

    Ob diese öffentliche Ohrfeige unser Verhältnis verbessert hat, darf bezweifelt werden. Trotzdem war ich meiner Mutter deswegen nie böse oder nachtragend.

    Manchmal hätte ich mir nur gewünscht, dass sie im Umgang mit mir etwas milder gewesen wäre.“

    Ob ihr das später gelungen ist, vermag ich heute nicht zu sagen.

    Aber die Ohrfeige auf der Tanzfläche habe ich jedenfalls nie vergessen

  • 🕺1962 – Allach, ein Maitanz und eine Walküre

    Mein Anfang in Deutschland war, sagen wir es freundlich, kein Triumphzug. Eher das Gegenteil. Aber entmutigen ließ ich mich dadurch nicht. Dazu war ich viel zu neugierig – und, wenn ich ehrlich bin, auch ein bisschen zu stur.

    Obwohl Rathgeber in Moosach über ein Barackenlager aus Holz verfügte, wurden wir nach Allach gebracht. Dort bezogen wir ein großes Zimmer mit fünf Stockbetten, die selbstverständlich bis auf den letzten Platz belegt wurden. Im Grunde war es wieder ein Dormitorium, nur etwas kleiner als das Auswanderungszentrum in Verona. Aber was soll’s – wir hatten ein Bett, ein Dach über dem Kopf und damit schon fast Luxus.

    Kaum hatte ich mich einigermaßen akklimatisiert, trieb mich meine Neugier hinaus. Und tatsächlich hatte ich Glück. Ich traf Nino, den ich aus dem Kinderheim in Ancona kannte. Er lebte bereits seit zwei Jahren in Deutschland und wohnte zusammen mit seinem Bruder privat. Ihre Wohnung war im Grunde eine umgebaute Garage – aber erstaunlich gemütlich. Das muss man auch erst einmal schaffen.

    Nino zeigte mir ein wenig Allach, erklärte mir geduldig die ersten Besonderheiten des deutschen Lebens und ging anschließend mit mir in ein Lokal auf eine Cola. Damit hatte ich bereits die ersten Anhaltspunkte, wie man sich auch ohne Sprachkenntnisse halbwegs anständig durchs Leben bewegen konnte. Gegen neun Uhr verabschiedeten wir uns und versprachen, uns bald wiederzusehen.

    Zurück im Lager erzählte ich meinen Zimmergenossen von meiner kleinen Entdeckungsreise und legte mich schlafen. Am nächsten Morgen musste ich nicht arbeiten – in Bayern war Feiertag. Mein erster Feiertag in Deutschland, und ich hatte noch nicht einmal richtig verstanden, wie man hier überhaupt lebte. Das fing vielversprechend an.

    Natürlich hielt es mich nicht lange im Lager. Erneut zog ich los, um Allach zu erkunden. Die Gegend gefiel mir ausgesprochen gut. Ein kleiner Bach, viel Wald und grüne Wiesen – so etwas war ich aus meiner Heimat nicht gewohnt.

    Vor einem Gasthaus entdeckte ich einen Aushang für einen „Maitanz“. Was „Mai“ bedeutete, wusste ich damals noch nicht so genau, aber das Wort „Tanz“ sprang mir förmlich entgegen. Sofort gingen bei mir alle Alarmglocken an – allerdings nicht aus Sorge, sondern aus Vorfreude. Mühsam entzifferte ich noch die Uhrzeit: von 17 bis 24 Uhr.

    Damit war die Sache entschieden.

    Mittags ging ich in das Lokal, in dem ich am Abend zuvor mit Nino gewesen war, und bestellte einen Teller Spaghetti. Sie schmeckten hervorragend und stärkten zusätzlich meinen Entschluss. Anschließend kehrte ich ins Lager zurück, ruhte mich etwas aus und verkündete meinen Zimmergenossen ganz nebenbei, dass ich am Abend zum Tanzen gehen würde.

    Das Gelächter war gewaltig.

    „Du kannst kein Wort Deutsch und willst tanzen gehen?“

    Ihre Blicke sagten deutlich:

    „Der Italiener hat nicht alle Tassen im Schrank.“

    Aber das hielt mich natürlich nicht auf.

    Punkt sechzehn Uhr holte ich meinen besten Anzug aus dem Koffer, zog ihn an und marschierte los. Das Lokal hieß „Zum Grünen Hahn“, und pünktlich um siebzehn Uhr begann ein Quartett live zu spielen.

    Zunächst beobachtete ich das Geschehen aufmerksam. Ich wollte schließlich herausfinden, wie man in Deutschland überhaupt ein Mädchen zum Tanzen aufforderte. Es wurden immer drei Musikstücke gespielt, dann ging der Herr zur Dame, bat sie höflich zum Tanz, und alles wirkte erstaunlich geordnet. Fast wie ein militärisches Manöver.

    Also beschloss ich, noch ein paar Runden abzuwarten und dann beherzt ins Geschehen einzugreifen.

    Ein Mädchen hatte ich bereits ins Auge gefasst. Sie saß die ganze Zeit an ihrem Tisch und wurde von niemandem aufgefordert.

    Während der Pause warf ich ihr einige Blicke zu. Sie erwiderte sie. Das genügte mir als internationales Verständigungssystem.

    Als die Musik wieder begann, ging ich zu ihr und versuchte mit Händen, Füßen und italienischem Charme zu erklären, dass ich gerne mit ihr tanzen würde.

    Sie verstand mich offenbar – oder sie war einfach mutig.

    Jedenfalls stand sie auf.

    Und während sie aufstand, wuchs sie.

    Sie wurde immer größer.

    Ich schätze, sie war fast zwei Meter groß, also mindestens einen Kopf größer als ich.

    Kurz gesagt: Neben ihr wirkte ich wie ihr kleiner Bruder auf Wandertag.

    Während wir tanzten, sprach sie ununterbrochen auf mich ein. Was sie sagte, weiß ich bis heute nicht. Mein deutscher Wortschatz bestand damals im Wesentlichen aus „Ja“ und „Nein“. Also antwortete ich je nach Gesichtsausdruck und hoffte auf das Beste.

    Erstaunlicherweise funktionierte diese Methode ausgezeichnet.

    Wir tanzten mehrmals miteinander, und ich empfand dieses Erlebnis als unglaublich befreiend. Bis heute sehe ich diese Szene vor mir:

    Ein kleiner Italiener fordert eine germanische Walküre zum Tanz auf – und beide haben einen Riesenspaß.

    In diesem Augenblick wusste ich:

    Ich war angekommen.

    Das Eis war gebrochen.

    Beruflich war noch längst nicht alles in Ordnung, aber menschlich hatte ich den richtigen Weg eingeschlagen.

    Denn die Gewohnheiten und Bräuche eines fremden Landes lernt man nicht aus Büchern kennen. Man muss sich hineinwagen – auch auf die Gefahr hin, sich dabei gelegentlich ein wenig lächerlich zu machen.

    Ich war zufrieden mit mir.

    Und das Erstaunlichste daran?

    Es war gerade einmal mein erster Feiertag in Deutschland.Mein erster Feiertag in Deutschland

  • 🚓1964 – Im Fadenkreuz der Carabinieri

    Ein Urlaub, eine Sonnenbrille und zwei italienische Amtshandlungen

    Unser Urlaub im Vorjahr war uns in so schöner Erinnerung geblieben, dass wir bald wieder Pläne schmiedeten. Nachdem Christine und ich in das kleine Apartment in Brezen gezogen waren, fassten wir allmählich Fuß in Erding. An den Wochenenden waren wir meistens unterwegs – tanzen, essen, kleine Ausflüge machen. Nur wenn mein Sohn bei mir zu Besuch war, gehörte die Zeit ganz ihm.

    Irgendwann stand fest: Der nächste Urlaub sollte uns wieder in die Marche führen.

    Zuvor kauften wir uns ein neues, etwas größeres Auto: einen Ford 16 M. Der alte Simca hatte endgültig den Geist aufgegeben. Viele Bekannte verstanden die Welt nicht mehr: „Wie, du arbeitest bei BMW und fährst Ford?“

    Tja – manchmal entscheidet nicht die Firmenzugehörigkeit, sondern der Geldbeutel. Und der war damals alles andere als prall gefüllt. Ich hatte alle Schulden übernommen, die während meiner Ehe entstanden waren, damit meine Ex-Frau, mein Sohn und ihre Tochter finanziell eine bessere Zukunft hatten.

    Das Verhältnis zwischen meiner Ex-Frau und mir schien sich langsam zu normalisieren. Es ging sogar so weit, dass wir vereinbarten, beide Kinder gemeinsam mit Christine in den Urlaub nach Italien mitzunehmen.

    Wie es sich für einen Italiener offenbar gehörte, fuhren wir wieder im August nach San Severino Marche und blieben drei Wochen. Fast täglich ging es von meiner Heimatstadt nach Porto Recanati. Dort hatte ich bei einer Bar einen Sonnenschirm und zwei Liegen für unseren Aufenthalt gemietet – unser kleines Strandquartier mit Meerblick und Urlaubsgefühl.

    Morgens fuhren wir meist gegen halb acht los und kamen abends gegen halb acht zurück. Die Tage verliefen harmonisch, ruhig und beinahe unwirklich schön. Fast zu schön, um wahr zu sein.

    Aber wir hatten die Rechnung ohne die italienische Sonne gemacht.

    Am vorletzten Urlaubstag schlief Christine am Strand ein – ausgerechnet mit dem Gesicht zur Sonne. Zunächst sah es nur nach einem leichten Sonnenbrand aus, denn sie hatte sich täglich sorgfältig eingecremt. Doch bald begannen ihre Augen stark zu schmerzen.

    Also fuhren wir sofort nach San Severino, um in der Apotheke etwas zu bekommen, das die Beschwerden lindern könnte. Leider Fehlanzeige. Der Apotheker riet uns, die Notaufnahme des Krankenhauses aufzusuchen. Ich brachte zuerst die Kinder nach Hause, dann fuhr ich mit Christine dorthin. Inzwischen konnte sie die Augen kaum noch öffnen, und die Schmerzen wurden immer schlimmer.

    Man erklärte mir, dieses Augenproblem sei vergleichbar damit, als würde man eine halbe Stunde lang direkt in die Flamme eines Elektroschweißgeräts schauen. Davon konnte ich leider ein Lied singen, denn während meiner Arbeit als Elektroschweißer war mir das selbst ein paarmal passiert. Es fühlt sich an, als hätte man Sand in den Augen, dazu ein Brennen, das bis in den Kopf zieht. Die Lider lassen sich kaum öffnen, als wären sie verleimt. So etwas wünscht man nicht einmal seinem schlimmsten Feind.

    Der diensthabende Arzt teilte mir mit, Christine müsse zur Kontrolle im Krankenhaus bleiben. Man werde sich gut um sie kümmern, ich solle mir keine allzu großen Sorgen machen und am nächsten Morgen wiederkommen.

    Ich erklärte Christine die Situation, bat sie, sich auszuruhen, und versicherte ihr, dass sie in guten Händen sei. Dann ging ich zurück zu den Kindern – mit einem Knoten im Bauch, den ich mir nicht anmerken lassen wollte.

    Am nächsten Morgen fuhr ich sofort ins Krankenhaus. Dort erschrak ich gleich aus zwei Gründen: Christine konnte die Augen immer noch nicht öffnen – und sie war auf die Entbindungsstation verlegt worden.

    Als ich zu ihr kam, schilderte sie mir völlig verwirrt die Lage. Sie konnte sich nicht erklären, warum um sie herum ständig Frauen stöhnten, als stünde die Geburt unmittelbar bevor. Mit einem kleinen Schmunzeln auf den Lippen erklärte ich ihr, wo sie gelandet war.

    Da musste sogar sie lachen – blind vor Schmerz, aber nicht ohne Humor.

    Ich wartete die Visite ab, um Genaueres zu erfahren. Der Arzt erklärte mir, Christine habe eine schwere Photokeratitis, also einen Sonnenbrand auf beiden Augen, verursacht durch übermäßige UV-Strahlung. Solange sie die Augen nicht öffnen könne, werde sie nicht entlassen, da ernsthafte Folgen möglich seien.

    Das sagte ich Christine natürlich nicht in aller Deutlichkeit. Ich erklärte ihr nur, dass sie noch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben müsse. Damit verlängerte sich unser Urlaub unfreiwillig – und in meinem Kopf begann sofort die Urlaubskasse leise zu weinen.

    Am fünften Tag wurde Christine entlassen. Vorerst musste sie eine Sonnenbrille tragen, um ihre Augen zu schonen. Ich fuhr mit ihr nach Hause, brachte sie in mein abgedunkeltes Zimmer, und wir sprachen über unsere finanzielle Lage.

    Schließlich beschlossen wir, bei Einbruch der Dunkelheit nach München zurückzufahren.

    Um die Kasse zu schonen, entschied ich mich für die Statale Adriatica. Die Strecke war zwar langsamer, aber wir konnten Benzin sparen und vor allem die Autobahngebühren umgehen. In unserer Lage zählte jede Lire – und manchmal fühlt sich Sparen fast so heldenhaft an wie ein Abenteuer.

    Als wir bei Rimini einfuhren, waren wir mit ungefähr 100 km/h unterwegs. Rechts hatten die Carabinieri eine Verkehrskontrolle aufgebaut. Einer der Beamten stand am Straßenrand und gab mir mit seiner Kelle ein Zeichen, die Geschwindigkeit zu reduzieren.

    Genau das tat ich – und fuhr weiter.

    Im Rückspiegel sah ich, wie er zu seinem Dienstwagen ging. Ich dachte mir nichts dabei, denn dort stand nur ein kleiner Fiat 600. Falsch gedacht. Daneben lauerte ein Alfa Giulietta. Plötzlich gingen die Lichter an, und die Verfolgung begann.

    Nach etwa zwei Kilometern hielt ich an. Einer der Carabinieri kam zu unserem Wagen. Ich kurbelte das Fenster herunter und fragte, was los sei. In ziemlich strengem Ton forderte er mich auf, auszusteigen, die Papiere und den Reisepass vorzuzeigen. Dann fügte er hinzu, ich solle froh sein, dass er mich nicht mit einer Maschinenpistole zum Anhalten gebracht habe.

    Ich bat ihn ruhig, mit mir nach hinten zu gehen, zeigte auf das D-Schild am Auto und fragte: „Kennen Sie dieses Zeichen?“

    Als er nickte, sagte ich freundlich, aber bestimmt: „Dann noch so ein Satz von Ihnen, und Sie werden Ihren Rang bald verlieren.“

    Danach entspann sich eine kleine Diskussion über die Kelle. Ich machte ihm klar, dass sein Zeichen nicht bedeutet hatte: „Anhalten!“, sondern lediglich: „Langsamer fahren!“ Und genau das hatte ich getan.

    Nach einigem Hin und Her durfte ich weiterfahren. Ich bedankte mich höflich, fügte aber mit einem Schmunzeln hinzu: „Ohne meine Papiere bewege ich mich keinen Millimeter.“

    Er verstand den Scherz, gab mir die Dokumente zurück, und wir setzten unsere Fahrt fort.

    Gegen sechs Uhr morgens näherten wir uns Verona. Ich war die ganze Nacht gefahren, und Christine bot mir an, das Steuer zu übernehmen. Ich nahm dankbar an. Durch den Umweg hatten wir immerhin rund 10.000 Lire an Autobahngebühren gespart. Deshalb beschloss ich, bei Verona doch auf die Autobahn zu fahren.

    Ein schöner Plan – und wie so oft blieb er genau das: ein Plan.

    Kurz vor Verona erlaubte sich Christine, in einem Überholverbot ein Auto vor uns zu überholen. Man kann sich denken, was passierte: Die Carabinieri hielten uns an, und wir mussten 5.000 Lire Strafe bezahlen.

    Damit war die Autobahn wieder gestrichen.

    Also weiter auf der Landstraße – mit gespartem Geld, angekratzter Laune und einer Geschichte mehr im Gepäck.

    Christines Genesung dauerte noch ein paar Tage, doch zum Glück blieben keine Schäden zurück. Die Photokeratitis wurde für uns zu einer Lektion, die wir nie vergaßen: Die Sonne meint es in Italien zwar gut – manchmal aber eindeutig zu gut.

    Seitdem hatten Sonnenbrillen, Schatten und gesunder Respekt vor UV-Strahlung bei uns einen ganz neuen Stellenwert. Und ich lernte wieder einmal: In Italien kann ein Urlaub friedlich beginnen, medizinisch weitergehen und am Ende trotzdem im Fadenkreuz der Carabinieri landen.

  • 1989 – Das Surren der Fliegen – Karfreitag im Dom der Maschinen

    Der gefundene Osterknopf

    Es gibt Tage im Berufsleben, die verschwinden spurlos im grauen Einerlei von Dienstplänen und Schichtübergaben. Und dann gibt es jene Tage, die sich unauslöschlich einprägen – nicht, weil man sie sich ausgesucht hätte, sondern weil ein einziges Geräusch, eine kleine Unachtsamkeit oder ein falscher Schritt genügt, um sie für immer im Gedächtnis zu verankern. Dieser Karfreitag gehörte eindeutig zur zweiten Sorte.

    Unsere Nachtschicht war damals längst eingespielt wie ein Uhrwerk, das nur gelegentlich aufgezogen werden musste. Zu Beginn der Schicht betrug die eigentliche Arbeitszeit meist vier bis fünf Stunden, doch nicht selten reichte sie bis tief in den Samstag oder sogar in Feiertage hinein. In der Jobvorbereitungsgruppe hatten wir deshalb eine einfache und vernünftige Regel eingeführt: An solchen Tagen löste die Frühschicht die Kollegen der Nacht spätestens um 8:00 Uhr ab. Das System funktionierte erstaunlich gut.

    Es war Ostern 1989. In der Karwoche hatte ich Frühschicht und löste am Karfreitag um 6:00 Uhr Hans ab, meinen Trauzeugen. Schon bei der Übergabe sah man ihm die anstrengende Nacht an. Mehrere Datenbanken waren beschädigt worden und mussten dringend repariert werden. Den verbliebenen Rest dieser Arbeit übernahm ich und brachte ihn schließlich zu Ende.

    Zum Glück musste an gesamtdeutschen Feiertagen die Online-Verfügbarkeit nicht bereits um Punkt sechs Uhr gewährleistet sein. Die gesamte Verwaltung – Autoauslieferung, Buchhaltung, Ersatzteilwesen, Export, Fertigerzeugnisse, Kfz-Briefe, Materialwirtschaft, Ordering, Technischer Informationsdienst und viele weitere Bereiche – musste erst gegen 11:30 Uhr vollständig onlinefähig sein. Im Ernstfall hätten wir selbstverständlich Prioritäten setzen können. Doch es war Karfreitag. Und an Karfreitagen scheint selbst ein Rechenzentrum einen Gang herunterzuschalten.

    Nachdem die Datenbanken wiederhergestellt waren, kehrte allmählich Ruhe ein. Die Maschinen arbeiteten wieder im gewohnten Rhythmus, als wäre nie etwas geschehen. Und wir gönnten uns sogar eine wohlverdiente Mittagspause. Wer mit Großrechnern gearbeitet hat, weiß: Eine ruhige Mittagspause nach einer solchen Nacht ist kein Luxus, sondern beinahe ein Geschenk des Himmels.

    Gegen 14:00 Uhr verabschiedete sich die Frühschicht aus dem Maschinensaal, den wir ehrfürchtig und gleichzeitig mit einem Augenzwinkern „den Dom“ nannten. Dort residierten Max, Moritz und die Witwe Bolte – drei IBM-360/85-Anlagen mit ihren Platteneinheiten, dem sogenannten „Kaninchenstall“, dazu sechsunddreißig oder vierzig Bandeinheiten, Lochkartenleser, mehrere Drucker und allerlei Peripheriegeräte. Es war ein eigenes Universum aus Metall, Kabeln, Wärme, Lichtsignalen und ständigem Rauschen. Hackerangriffe, wie sie die spätere IT-Welt kennenlernen sollte, existierten damals noch nicht. Damals konnte man den größten Schaden noch mit dem eigenen Fuß anrichten.

    Gegen 15:30 Uhr vervollständigte ich das Schichtprotokoll und machte meine Kontrollrunde. Ich überprüfte, ob noch etwas offen war und ob alle Projekte ihre finale Sicherung für den nächsten Online-Start erhalten hatten. Anschließend ging ich zu den Druckern und unterhielt mich mit dem Operator.

    Während unseres Gesprächs bewegte ich mich rückwärts in Richtung Ausgang – eine jener unbedachten Kleinigkeiten, die sich im Nachhinein als Auftakt zu einem Drama entpuppen. Ich übersah eine leicht verschobene Doppelbodenplatte, verlor das Gleichgewicht, riss instinktiv die Arme hoch und fiel rücklings zu Boden.

    Und weil das Leben gelegentlich einen ausgesprochen schwarzen Humor besitzt, traf ich beim Fallen ausgerechnet den roten Hauptschalter.

    Der Dom verstummte.

    Von einer Sekunde auf die andere war das vertraute Rauschen verschwunden. Kein Summen, kein Klackern, kein rhythmisches Arbeiten der Geräte. Nur Stille. Eine solche Stille, dass man tatsächlich das Surren einer einzigen Fliege hätte hören können.

    Der Operator, der alles beobachtet hatte, eilte sofort zu mir. Wahrscheinlich sah ich in diesem Augenblick nicht nur erschrocken, sondern bereits kreidebleich aus.

    „Alles in Ordnung?“

    Ich brachte lediglich ein leises, stotterndes „Ja, ja …“ hervor.

    Der IBM-Bereitschaftsdienst wurde verständigt, ebenso der Leiter des Rechenzentrums. Zum Glück hielt sich der Schaden in Grenzen. Lediglich eine 3380-Platte hatte ihren Geist aufgegeben und konnte dank der zuvor angefertigten Sicherungen wiederhergestellt werden.

    Gegen 18:00 Uhr war der Spuk vorbei. Der Dom atmete wieder. Die Technik lief, und ich konnte mit einem etwas flauen Magen nach Hause fahren.

    Am Osterdienstag folgte der unvermeidliche Rapport beim Stellvertreter des Bereichsleiters, einem ehemaligen Bundeswehroffizier. Zunächst verlief das Gespräch ruhig und sachlich. Dann stellte er die Frage, die offenbar schon die ganze Zeit im Raum gestanden hatte:

    „Herr Pioli, hatten Sie am Freitag etwas getrunken?“

    Da fuhr ich, zugegeben, ein wenig aus der Haut.

    „Erstens: Glauben Sie wirklich, dass ich es Ihnen jetzt sagen würde, wenn ich etwas getrunken hätte? Und zweitens: Dass ich mich an diesem Schaltpult wegen einer schlecht sitzenden Doppelbodenplatte verletzt habe, kommt Ihnen überhaupt nicht in den Sinn?“

    Nun geriet er seinerseits ins Stottern.

    „Nein, nein, Herr Pioli, so war das nicht gemeint …“

    Damit war die Angelegenheit beendet. Ich kehrte an meinen Arbeitsplatz zurück – aufrechter, als ich am Karfreitag gefallen war.

    Immerhin zog man Konsequenzen aus dem Vorfall. Die Bodenplatte wurde ordentlich justiert, und der rote Hauptschalter erhielt einen stabilen Schutzdeckel, der erst geöffnet werden musste, bevor man den Schalter überhaupt betätigen konnte. Die Anlage war danach besser geschützt – vermutlich auch vor mir.

    Den alten roten Schalter schenkte man mir später als Erinnerung. Heute liegt er oben auf dem Speicher. Ein kleines Stück Rechenzentrumsgeschichte und ein Denkmal meiner unfreiwilligen Großtat.

    Ausgeschaltet wird damit nichts mehr.

    Höchstens gelegentlich die Vorstellung, dass Technik immer nur von innen heraus versagt.