✋ 1961 – Die Ohrfeige auf der Tanzfläche

Es war ein herrlicher Sonntag, wie man ihn aus italienischen Sommern kennt: Sonne satt, Fußball am Nachmittag, volle Ränge und begeisterte Fans. Das Sahnehäubchen war ein 3:0-Sieg, der unseren Verbleib in der Campionato d’Eccellenza – damals noch Promozione – sicherte.

Nach dem Abpfiff zog ich noch mit einigen Spielern in unsere Stammbar. Dort trank ich – ganz unitalienisch – keine heiße, sondern ausnahmsweise eine kalte Milch. Gegen 17 Uhr ging ich ins Vereinsbüro, um meine Siegprämie abzuholen. Um halb sechs war ich wieder zu Hause, überreichte meiner Mutter pflichtbewusst die 5.000 Lire und bekam im Gegenzug mein wöchentliches Taschengeld: 1.000 Lire.

Schon damals staunte ich, mit welcher Eleganz sie mein Geld zu ihren Gunsten umverteilen konnte. Aber gut – Mütter haben bekanntlich ihre eigene Finanzpolitik.

Da sie sich an diesem Tag nicht besonders wohlfühlte, würde das Abendessen erst gegen 20 Uhr fertig sein. Also beschloss ich, noch kurz auf die Piazza zu gehen. Beim Hinausgehen bat sie mich, ihr eine kleine Packung Aspirin mitzubringen.

Natürlich sagte ich zu.

Und ahnte nicht, dass mir genau dieses „natürlich“ später noch um die Ohren fliegen würde.

Als ich auf der Piazza ankam, war sie erstaunlich leer. Da fiel mir ein, dass in der Siedlung neben meiner alten Volksschule die Bar unserer Nachbarin Antonietta und ihres Bruders Peppe lag. Dort wurde an diesem Abend getanzt.

Also machte ich mich auf den Weg, um die Lage zu prüfen – rein wissenschaftlich natürlich.

Was soll ich sagen?

Meine Freunde waren da.

Viele Mädchen auch.

Und damit war jede weitere Vernunft offiziell außer Dienst.

Es war die Zeit von Brenda Lee, Paul Anka, Connie Francis, Ray Charles, Elvis Presley, Chuck Berry und Bill Haley. Für uns war das nicht nur Musik, sondern ein Lebensgefühl.

An diesem Abend vergaß ich vor lauter Tanzbegeisterung alles um mich herum. Ich war glücklich, sorgenfrei und überzeugt, dass so ein Abend mit Freunden eigentlich nie enden dürfte.

Irgendwann war es dunkel geworden, doch ich schwebte immer noch im Tanzhimmel – völlig ohne Zeitgefühl und mit großem Vertrauen darauf, dass sich Probleme vielleicht von selbst erledigen würden.

Mitten im Gedränge spürte ich plötzlich ein Klopfen auf der Schulter.

Zuerst dachte ich an ein Versehen.

Doch ein zweites, deutlich energischeres Klopfen holte mich schlagartig zurück in die Wirklichkeit.

Ich drehte mich um.

Und im selben Augenblick landete eine saftige Ohrfeige.

Vor mir stand meine Mutter.

1,50 Meter konzentrierte Entschlossenheit.

Ich war damals schon 1,72 Meter groß, also musste sie für diesen Treffer vermutlich mehr Einsatz zeigen als ich auf dem Fußballplatz.

Wütend fragte sie:

„Weißt du, wie spät es ist?“

Und natürlich wusste ich in diesem Moment vor allem eines:

Sie hatte recht.

Ich hatte weder das Aspirin besorgt noch war ich pünktlich zum Abendessen erschienen.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als mich kurz zu meiner Tanzpartnerin umzudrehen und höflich zu sagen:

„Warte bitte einen Moment, ich komme gleich zurück.“

Ein Satz, dessen optimistische Kühnheit mich im Rückblick selbst beeindruckt.

Der Heimweg bestand dann allerdings weniger aus Romantik als aus einer lückenlosen Schimpftirade.

Und das Mädchen von der Tanzfläche habe ich nie wiedergesehen.

Ich hoffe nur, dass sie dort nicht bis heute auf meine Rückkehr wartet.

Ob diese öffentliche Ohrfeige unser Verhältnis verbessert hat, darf bezweifelt werden. Trotzdem war ich meiner Mutter deswegen nie böse oder nachtragend.

Manchmal hätte ich mir nur gewünscht, dass sie im Umgang mit mir etwas milder gewesen wäre.

Ob ihr das später gelungen ist, vermag ich heute nicht zu sagen.

Aber die Ohrfeige auf der Tanzfläche habe ich jedenfalls nie vergessen.

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