Heute Morgen begann der Tag für Christine ganz klassisch italienisch: Damenfriseur. Während sie sich also verschönern ließ, wartete auf mich offenbar die weitaus anspruchsvollere Aufgabe des Tages – die Beschaffung von Badesachen für Amelie und Luis.
Nach dem Friseur fuhren wir deshalb nach Tolentino ins Arena Outlet. Eigentlich eine einfache Angelegenheit: hineingehen, Bikinis und Badehosen finden, bezahlen und wieder hinaus. So zumindest die Theorie.
Arena Outlet
Wir gerieten an eine Verkäuferin, deren Stimmung irgendwo zwischen „Heute lieber nicht ansprechen“ und „Warum seid ihr überhaupt hier?“ lag. Wir wollten für meine Enkelin die Bikinis sehen, worauf sie uns zunächst fragte, ob diese für den Pool oder für das Meer gedacht seien.
Ich gebe zu: Diese Frage hat mich intellektuell überfordert.
Ich überlegte kurz, ob es vielleicht spezielle Bikinis für Salzwasser gibt und andere für Chlorwasser. Vielleicht unterscheiden sich italienische Bikinis ja inzwischen ebenso wie italienische Weine – jeder für sein eigenes Terrain.
Zunächst zeigte sie uns einige Badeanzüge. Sehr hübsch, zweifellos – nur leider in den passenden Größen eher theoretischer Natur. Also baten wir um Bikinis.
Nun begann das zweite Kapitel des italienischen Größenkrimis.
Auf den Etiketten waren die europäischen Größen für verschiedene Länder angegeben. Für mich eigentlich eine erfreulich eindeutige Angelegenheit. Die Verkäuferin sah das allerdings anders und beharrte auf den italienischen Größenangaben. Ich beschloss, diesen Kampf nicht zu führen. Schließlich waren wir wegen Bikinis gekommen und nicht, um die europäische Normung neu zu verhandeln.
Wir suchten also verschiedene Modelle aus und fanden schließlich Bikinis und Badehosen für unsere Enkelkinder. Ob sie tatsächlich passen, wird sich zeigen. Im Zweifelsfall erklären wir es einfach zur neuen italienischen Mode.
Snoopy bei Conad Einkaufen
Danach ging es zum Einkaufen
Und dort erwartete uns eine weitere kleine kulturelle Überraschung: Snoopy durfte selbstverständlich mit in den Laden. Nicht etwa an der Leine – um nicht versehentlich eventuelle kleine Nassflecken auf dem Ladenboden zu hinterlassen; das wäre vermutlich hygienisch und für alle Beteiligten etwas unangenehm gewesen –, sondern standesgemäß in einem eigens dafür vorgesehenen Einkaufswagen. Für dessen Benutzung war allerdings zunächst ein Personal-Dokument zu hinterlegen. Offenbar vertraute man weder dem Hund noch uns ausreichend, um uns einen Einkaufswagen ohne vorherige bürokratische Identitätsprüfung zu überlassen. Nachdem die Formalitäten geklärt waren, durfte Snoopy Platz nehmen und würdevoll durch die Gänge kutschiert werden. Den Einkaufswagen benötigten wir anschließend selbstverständlich nicht für zu Hause – er blieb, ganz im Sinne eines streng kontrollierten Leihsystems, dort, wo wir ihn bekommen hatten. Ein bemerkenswert aufwendiges Verfahren für einen Wagen, der im Grunde nur einen Hund von A nach B transportieren sollte.
Da musste ich unwillkürlich an Italien vor 25 oder 30 Jahren denken.
Damals wollte meine Schwägerin partout keinen Hund in der Wohnung haben. Heute lebt sie mit zwei Hunden zusammen. Zugegeben, es sind kleine Hunde – aber zwei sind nun einmal zwei.
Auch meine Nichte hielt früher lieber einen gewissen Sicherheitsabstand zu Hunden. Heute besitzt sie selbst einen Hund. Inzwischen kümmert sie sich sogar regelmäßig um den Hund ihrer Tochter, wenn diese zur Arbeit geht.
Man könnte also sagen: Italien hat sich in dieser Beziehung von Saulus zu Paulus gewandelt. Früher hieß es: „Ein Hund kommt mir nicht ins Haus.“ Heute bekommt der Hund seinen eigenen Einkaufswagen.
Heute bleibt die Küche kalt
Bei der herrschenden Hitze fiel unser Mittagessen erneut eher mediterran-minimalistisch aus: kalt.
Anschließend nahm ich – wie inzwischen beinahe schon rituell – meine horizontale Position ein. Eine äußerst vernünftige Maßnahme, um der Mittagshitze nicht unnötig entgegenzukommen. Christine hingegen entschied sich für den Pool.
Dabei musste ich feststellen, dass sich auch bei unserer persönlichen Sonnenbilanz einiges verändert hat.
Ich, als gebürtiger Italiener, sehe inzwischen erstaunlich blass aus. Christine dagegen ist deutlich brauner als ich. Früher wäre das undenkbar gewesen. Heute könnte man bei uns glatt vermuten, dass sie die Italienerin ist und ich der Tourist.
Während ich also horizontal der Sonne auswich, bewegten sich die Dinge bei „Genuss aus den Marken“ erfreulicherweise in eine andere Richtung.
Nachdem ich die Käserei Mario Dedoni bislang vergeblich zu erreichen versucht hatte, bekam ich heute endlich Luciano Dedoni ans Telefon. Zu meiner Überraschung erinnerte er sich sogar an unser Gespräch von vor etwa einem Monat, als ich ihm von Deutschland aus mein Projekt vorgestellt hatte.
Noch besser: Luciano ist bereit, sich am kommenden Sonntag, dem 06.09.2026, mit mir zu treffen.
Das könnte ein weiterer wichtiger Schritt für „Genuss aus den Marken“ werden. Vielleicht gelingt es mir, einen weiteren Familienbetrieb für unser Projekt zu gewinnen und dessen Produkte dem deutschen Publikum näherzubringen.
Zwei weitere Produzenten möchte ich ebenfalls noch ansprechen – einen im Hinblick auf die Vernaccia Nera und einen für Olivenöl. Ich hoffe natürlich, auch sie für meine Idee begeistern zu können.
Und wenn nicht?
Dann suche ich weiter.
Die Marken sind schließlich voller kleiner Familienbetriebe. Irgendwo zwischen Weinbergen, Olivenhainen und Käsereien wird sich schon der nächste kulinarische Schatz verstecken.
Eine lauer Sommer Abend in Valcerasa
Aber all diese Überlegungen hatten am Abend Pause.
Vor unserem kleinen Ferienbungalow erlebten wir einen dieser Sonnenuntergänge, bei denen man irgendwann aufhört zu reden, weil die Landschaft ohnehin das bessere Argument besitzt.
Wir saßen bei Kerzenlicht, tranken einen Verdicchio aus Matelica und ließen uns von der warmen Abendbrise unter dem Sternenhimmel der Marken umspielen.
Ein stiller, wunderschöner Abschluss eines Tages, der mit einem Friseurbesuch begann, über einen Bikinikrimi und einen Hund im Einkaufswagen führte und schließlich bei Wein und Sternen endete.
Eigentlich könnte man sagen: Ein ganz normaler Tag in den Marken.
Nur der zweite Verdicchio fehlte noch.

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