Der Maestro Barbier von Passo di Treia
Nein, nein – bevor jetzt jemand denkt, ich hätte mich heimlich einer modernen medizinischen Verjüngungskur unterzogen: Mein Kopf bekam heute tatsächlich ein italienisches Softwareupdate.
Allerdings wurden weder neue graue Zellen eingebaut noch irgendwelche zusätzlichen Denkmodule installiert. Das wäre bei meinem Alter wahrscheinlich ohnehin ein ziemlich riskantes Hardware-Upgrade.
Nein, es handelte sich lediglich um eine Wurzelbehandlung. Aber nicht beim Zahnarzt, sondern an den Haarwurzeln – und zwar beim Maestro Barbier von Passo di Treia.
Damit habe ich mir einen kleinen Wunsch erfüllt: wieder einmal mit einer ordentlich gestylten Haarpracht nach Hause zu kommen. In Deutschland habe ich nämlich keinen festen Friseur. Meine Haare müssen dort offensichtlich mit der Situation selbst klarkommen.
Hier in Italien ist das anders.
Hier geht man zum Barbier – und bekommt neben einem Haarschnitt gleich noch die neuesten Fußballnachrichten, Dorfgeschichten, Gerüchte und sonstige wichtige Informationen des Tages kostenlos mitgeliefert.
Ein italienischer Dorfbarbier ist schließlich nicht nur Friseur.
Er ist gleichzeitig Nachrichtenagentur, Dorfchronist, Fußballreporter, Sozialamt und manchmal wahrscheinlich auch der lokale Geheimdienst.
Heute war ich der interessante Fall
Diesmal war ich allerdings selbst Gegenstand des Interesses.
Ich komme nicht aus Passo di Treia, fahre mit einem ausländischen Autokennzeichen herum und habe nun schon zum zweiten Mal die Dienste des Maestros in Anspruch genommen.
Das konnte natürlich nicht ohne Folgen bleiben.
Wenn ein Ausländer zweimal beim gleichen Barbier auftaucht, muss man schließlich wissen, mit wem man es zu tun hat. Die persönliche Kundendatei der hauseigenen Presseagentur muss schließlich auf dem neuesten Stand sein.
Der Maestro begann noch ganz harmlos:
„Vieni dalla Svizzera o dalla Germania?“
Also: Schweiz oder Deutschland?
Ich antwortete:
„Dalla Germania.“
Damit war das Eis gebrochen.
Und bevor aus dem harmlosen Gespräch möglicherweise eine offizielle polizeiliche Vernehmung mit Personalien, Lebenslauf und Fingerabdrücken wurde, lieferte ich vorsichtshalber gleich selbst weitere Informationen:
„Ich lebe seit über 64 Jahren in Deutschland. Mit 18 Jahren bin ich von San Severino Marche über das Arbeitsamt nach Deutschland ausgewandert. Meine Mutter hatte nämlich eine ziemlich ausgeprägte Aversion gegen Fußball, und außerdem stand der Militärdienst vor der Tür. Und arbeitsmäßig sah es damals in Italien auch nicht gerade rosig aus.“
Damit hatte ich seine Neugier zumindest zu 50 Prozent befriedigt.
Der Rest würde vermutlich beim nächsten Haarschnitt folgen.
Und dann kam Deutschland an die Reihe
Im Salon war noch ein weiterer Kunde, der offensichtlich ebenfalls sehr interessiert daran war, zu erfahren, wie es sich denn in Deutschland lebt.
Ich erklärte ihm, dass es uns eigentlich gut geht und wir unser ruhiges Rentnerdasein genießen.
Wobei ich gleich klargestellt habe: Ganz so einfach war das natürlich nicht immer.
Gerade die ersten Jahre waren für einen jungen Menschen nicht gerade ein Spaziergang.
Als sogenannter „Gastarbeiter“ musste man sich zunächst an eine neue Umgebung, neue Menschen und neue Mentalitäten gewöhnen.
Man musste erst einmal herausfinden:
Wie ticken die Menschen hier eigentlich?
Und genau das halte ich bis heute für wichtig: Wenn man in einem fremden Land lebt, muss man zunächst lernen, wie die Menschen dort leben und denken. Man sollte sich anpassen können und nicht erwarten, dass sich gleich das ganze Land an einem selbst orientiert.
Und vor allem braucht man die Sprache.
Wer die Sprache nicht beherrscht, bleibt immer ein Stück weit Zuschauer.
Denn über den Dialog kann man unglaublich viel lernen, Kontakte knüpfen und vieles im Leben einfacher machen.
Dann wurde es langsam interessant
Natürlich sorgte meine nächste Information für etwas größere Augen.
Ich erzählte, dass ich 42 Jahre bei BMW gearbeitet habe, teilweise in einem internationalen Team, das in ganz Europa und sogar in Südafrika tätig war.
Und dann kam noch die Information hinterher, dass ich erst mit 70 Jahren in Rente gegangen bin.
Jetzt konnte man förmlich sehen, wie sich beim Maestro der interne Kopfrechner einschaltete.
Er rechnete.
Er überlegte.
Er rechnete vermutlich sicherheitshalber noch einmal.
Dann fragte er ganz vorsichtig und fast ein bisschen schüchtern, ob ich denn ungefähr 80 Jahre alt sein müsste.
Ich musste natürlich ein wenig lächeln.
„Nein“, sagte ich, „in ungefähr fünf Wochen werde ich mein 83. Lebensjahr vollendet haben.“
Kurze Pause.
Und dann hagelte es Komplimente.
Das hört man natürlich gerne – vor allem, wenn sie von fremden Menschen kommen, die deutlich jünger sind.
Wenn man mit fast 83 für knapp 80 gehalten wird, nimmt man das Kompliment selbstverständlich dankend entgegen. Da wird man plötzlich ganz tolerant gegenüber Rechenfehlern.
Ich pflege allerdings zu sagen:
„Alter ist nur eine Zahl, die vom Einwohnermeldeamt und von Personalbüros für statistische Zwecke verwendet wird. Für den Betroffenen selbst sollte diese Zahl eigentlich keine große Bedeutung haben. Du bist schließlich nur so alt, wie du dich fühlst.“
Und solange ich noch zum Barbier gehe, Rommé spiele, Auto fahre, Wein trinke und mich in Italien mit Leuten über Gott, die Welt und den italienischen Bürokratismus unterhalte, sehe ich ohnehin keinen Grund, mich über eine Zahl aufzuregen.
Natürlich durfte Italien nicht fehlen
Danach diskutierten wir noch ein bisschen über das chaotische Italien und seinen teilweise geradezu sportlich betriebenen Bürokratismus.
Manchmal hat man hier den Eindruck, dass für einen einfachen Vorgang mindestens drei Formulare, vier Stempel, fünf Unterschriften und am besten noch ein Cousin des Bürgermeisters erforderlich sind.
Aber gut – genau das gehört wahrscheinlich zum italienischen Gesamtpaket.
Kurz darauf war meine persönliche Runderneuerung abgeschlossen.
Ich bezahlte, und der Maestro Barbier wünschte mir alles Gute und schon einmal eine schöne Weihnachtszeit. Gleichzeitig äußerte er die Hoffnung, dass wir uns 2027 wiedersehen.
Ich antwortete nur kurz:
„Sicherlich werden wir uns wiedersehen. Wenn ER da oben es will und zulässt, komme ich wieder zum Haareschneiden.“
Damit war das italienische Kopf-Softwareupdate erfolgreich abgeschlossen.
Keine neuen grauen Zellen. Keine neue Denksoftware. Aber immerhin wieder eine vernünftige Frisur.
Man muss im Leben schließlich Prioritäten setzen.
Weiter nach Serrapetrona
Anschließend fuhren wir nach Serrapetrona zur Azienda Agricola Alberto Quacquarini.
Dort erfuhren wir, dass Mauro momentan ziemlich stark mit seinem Lokal in Sirolo beschäftigt ist.
Die von Monica erstellte Notiz über mein Projekt sowie meine Kontaktdaten liegen jedoch auf seinem Schreibtisch.
Ich ergänzte noch meine private E-Mail-Adresse, denn wir werden nur noch bis Montag hier sein.
Seiner Mitarbeiterin erklärte ich außerdem, dass ich Mauro noch eine E-Mail mit allen Neuerungen schicken werde, die sich inzwischen aus anderen Gesprächen ergeben haben.
Damit ist auch dieser Punkt erledigt.
Und jetzt beginnt der gemütliche Teil
Heute Abend geht es wieder zu unserer inzwischen schon fast traditionellen Rommé-Runde.
Dazu gibt es einen herrlichen Sternenhimmel, eine angenehm milde Abendbrise und natürlich ein Gläschen gut gekühlten Passerina-Wein.
Mehr braucht der Mensch eigentlich nicht.
Ein bisschen Kartenspiel, ein bisschen Wein, ein bisschen italienische Abendluft – und keine Behörde, die gerade irgendeinen neuen Stempel von mir verlangt.
So kann man einen Tag in Italien durchaus würdig beenden.
Und wenn morgen jemand fragt, was ich heute gemacht habe, lautet die kurze Antwort:
Ich habe meinen Kopf aktualisiert, meine Frisur erneuert, mein Lebensalter erfolgreich nach unten korrigiert bekommen und nebenbei noch die deutsch-italienischen Beziehungen gepflegt.
Nicht schlecht für einen einzigen Tag.
Grazie, Maestro. Bis 2027 – sofern ER da oben nichts dagegen hat. 😄

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