Endlich konnte ich heute Morgen zum Friseur gehen – und dort habe ich gleich die italienische Lebensart hautnah erlebt.
Scheinbar begann mit dem gestrigen Sonntag wieder die italienische Fußballmeisterschaft, die Serie A. Beim Friseur saßen drei eingefleischte Fußballanhänger: ein Interista von Inter Mailand, ein Milanista vom AC Milan und ein Juventino von Juventus Turin. Und diese drei Herren diskutierten sehr lautstark über die offenbar überraschenden Ergebnisse.
Wenn ich die Sprache nicht verstanden hätte und die drei nur gehört hätte, wäre ich überzeugt gewesen, dass in dem Friseursalon gerade ein handfester Streit ausgetragen wird. Dem war aber überhaupt nicht so. Ganz im Gegenteil: Es war einfach nur italienische Fußballleidenschaft!
Ich glaube, wenn drei eingefleischte Anhänger verschiedener Vereine aufeinandertreffen, gibt es kein Halten mehr. Da kommt die gesamte Leidenschaft ans Tageslicht: laute Stimmen, wilde Gesten, energisches Kopfnicken und wahrscheinlich die eine oder andere Meinung, die der jeweils andere unter normalen Umständen niemals akzeptieren würde.
Aber genau das ist Fußball in Italien. Hier wird nicht einfach ein Spiel angeschaut – hier wird Fußball gelebt. Und wenn man das Ganze aus sicherer Entfernung beobachtet, ist es sogar ziemlich unterhaltsam.
Zu viele ausländische Fußballer
Während die drei Fußballfans ihre ganz persönliche Champions League im Friseursalon austrugen, las ich die Gazzetta dello Sport. Dabei wunderte ich mich über die große Zahl ausländischer Spieler in den italienischen Mannschaften.
Und plötzlich kam mir der Gedanke: Vielleicht liegt hier eines der Probleme des italienischen Fußballs.
Italien ist nun bereits zum dritten Mal in Folge nicht bei der Fußball-Weltmeisterschaft dabei, obwohl wir durchaus gute Nachwuchsmannschaften haben – von der U16 über die U18 bis zur U21. Irgendetwas scheint also zwischen dem Nachwuchs und der Nationalmannschaft gründlich schiefzulaufen.
Scheinbar haben wir in Italien nicht unbedingt zu wenig Fußballtalente, sondern eher mittelmäßige bis unfähige Fußballmanager und Vereinsbesitzer, die in erster Linie auf den Profit schauen. Das Ganze begann für mich bereits mit Berlusconi und seiner Kritik an Dino Zoff als technischem Leiter der Nationalmannschaft.
Und über Dino Zoff muss man eigentlich nicht viele Worte verlieren. Ein außergewöhnlicher Sportler, Nationaltorwart und Trainer – einer, der vom Fußball nun wirklich etwas verstanden hat.
Nein, liebe FIGC, so wird das nichts!
Solange einige der großen Köpfe und altersmäßig längst überfälligen Dirigenten nicht bereit sind, ihren Hut zu nehmen und Platz für junge, fachkundige und moderne Manager zu machen, wird Italien international weiterhin als eher schwache Fußballnation gelten.
Wir haben hervorragende Talente – aber irgendwo muss es Menschen geben, die daraus auch eine schlagkräftige Nationalmannschaft formen.
Wenn es so weitergeht, können wir bald Wetten darüber abschließen, wann Italien zum ersten Mal gegen die Nationalmannschaft von San Marino verliert.
Wobei ich hoffe, dass ich diesen historischen Moment nicht mehr erleben muss!
Die Basilika von Loreto
Nach dem Friseur hatten wir eigentlich geplant, die Basilika von Loreto zu besuchen. Loreto ist einer der bekanntesten Wallfahrtsorte Italiens. Mittelpunkt der monumentalen Basilika ist die sogenannte Santa Casa, das Heilige Haus, das nach katholischer Überlieferung das Wohnhaus der Jungfrau Maria gewesen sein soll. Die Basilika ist deshalb ein bedeutendes religiöses und kulturelles Ziel und wird jedes Jahr von zahlreichen Pilgern und Touristen besucht.
Heute allerdings hatten wir gleich mehrere Probleme.
Erstens gab es ein starkes Unwetter. Zweitens war Loreto völlig überfüllt. Und drittens – was in Italien fast noch dramatischer sein kann – waren sämtliche Parkplätze voll.
Scheinbar waren wegen des Unwetters alle Touristen auf dieselbe Idee gekommen: Wenn man schon nicht draußen etwas unternehmen kann, macht man eben einen Kulturtag.
Und so hatten wahrscheinlich halb Italien und gefühlt die andere Hälfte Europas beschlossen, genau heute Loreto zu besuchen.
Also gaben wir unseren Plan auf.
Na ja, ganz aufgegeben haben wir ihn eigentlich nicht – wir haben ihn nur auf eine etwas ungewöhnliche Art umgesetzt. Wir sind sage und schreibe drei Stunden durch die Provinz Ancona herumgefahren, ohne ein konkretes Ziel zu haben.
Drei Stunden!
Man könnte auch sagen: Wir haben heute die Provinz Ancona intensiv kennengelernt – allerdings hauptsächlich durch die Windschutzscheibe.
Irgendwann beschlossen wir dann, die Rückfahrt anzutreten. Schließlich braucht auch ein erfolgloser Kulturtag irgendwann ein Mittagessen.
So landeten wir im Lokal La Scaletta in Casette Verdini, wo wir unser wohlverdientes Mittagessen einnahmen. Damit war zumindest der kulinarische Teil des Tages gerettet.
Paola und Katia – Wiedersehen mit meiner Enkelin
Auf dem Weg zum Roccolo fuhr ich, wie am Vortag versprochen, bei meiner Nichte Paola und Katia vorbei. Der Anlass war für mich etwas ganz Besonderes: Nach langen 14 Jahren konnte sie endlich meine Enkelin wiedersehen.
Vierzehn Jahre sind eine unglaublich lange Zeit. Umso schöner war es, diesen Moment endlich erleben zu können.
Nach dem Besuch gingen Christine und meine Enkelin noch im Pool baden. Dort war das Wetter dann offenbar wieder gnädiger mit uns – zumindest solange man sich im Wasser befand.
Und so endete unser erster Regentag im Urlaub letztlich doch noch ganz schön und vor allem familiär.
Der Tag hatte mit Fußballleidenschaft beim Friseur begonnen, führte uns beinahe nach Loreto, schickte uns stattdessen drei Stunden ziellos durch die Provinz Ancona, bescherte uns ein gutes Mittagessen und endete schließlich mit einem ganz besonderen Wiedersehen nach 14 Jahren.
Eigentlich gar kein schlechter Regentag – nur etwas anders geplant.

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